Abbildung 48.
Es stellt aber dieses letzte Kapitell von Sánchi nur einen Übergang dar zu oben glatt abgeschnittener Endigung, wobei sich die Glockenkappe ähnlich wie der Hals in Profilbänder umsetzt. Ein Pfeiler aus Eran ([Abb. 49]), dessen Entstehung in die Mitte des 4. Jahrhunderts fällt, zeigt eine Frühstufe solcher Art. Energischer noch bringt die gegen 400 entstandene Stütze von Náchná in Bundelkhand ([Abb. 50]) die neue Umrißlinie zum Ausdruck, da alles schmückende Beiwerk an den kritischen Stellen auf das geringste Maß beschränkt ist. Insonderheit ist zu beachten, daß hier die Laubkranzdekoration vollbewußt angewandt erscheint. Der Architekt war demnach noch zu keiner andren Grundbedeutung der Kapitellgestalt gelangt, was weiterhin die Richtigkeit der Vermutung beweist, daß sein sicheres perspektivisches Gefühl trotz naturalistischer Unlogik den geraden Abschluß wählte.
Abbildung 49.
Abbildung 50.
Freudigen Eifers ergriff nun das dekorative Genie des Hindu die willkommene Aufgabe, der bislang sinnentbehrenden Glockenform mit weggeschnittener Kappe eine innere Bedeutung und zugleich eine demgemäße Durchbildung zu eigen zu geben — und das mit einem Erfolge, der voller Anerkennung wert ist. Gerade bei derart schroffem Kopfabschluß drängte besonders nachdrücklich, aber auch besonders erschwert jener alte Vorwurf zur Lösung, einen Rundquerschnitt des Kapitelles ungezwungen, elegant in die quadratische Deckplattenform überzuleiten. Das klassische Altertum hat in zwei vornehmen Schöpfungen dies Problem entwickelt, — immerhin aber hier bei der jonischen Ordnung nicht ohne eine gewisse Einseitigkeit und Gesuchtheit, dort bei der korinthischen nicht ohne ein Teil naturalistischer Unwahrheit. Und wenn dem Hindu auch keineswegs die künstlerische Fähigkeit und technische Vollendung der westlichen Meister zuerkannt werden darf und soll, so reicht doch wohl hinsichtlich organisch-logischer Berechtigung sein Überführungsentwurf, wie er im folgenden skizziert, nahe an die klassischen Typen heran.
Die gestaltende Phantasie legt der kappenlosen Glockenform die Bedeutung eines Gefäßes unter. In gleichem Maße, wie dieser Grundgedanke in indischer Formensprache regere Aufnahme findet, klärt sich allmählich die anfangs derbe Linienführung der Vase geschmackvoller ab. Dieser eigentliche Kernbegriff des Kumbha, das ist eines Wasserkruges, nimmt zwar selbst auf den kritischen Querschnittswechsel keine Rücksicht, wohl aber sein dekoratives Beiwerk. Am Zusammenschluß von Deckplatte und Vase entstehen unter den Ecken Stellen, wo ein vermittelndes Füllmotiv angebracht erscheinen will. Fernerhin aber kriecht die Kumbhakurve mit den einschnürenden Profilen, wie schon beim Polster, in den Pfeilerumriß hinein und verleiht dadurch dem Kapitell einen dürftigen und matten Zug. Diese Sachlage kommt dem Architekten im Verlaufe der Motivdurchbildung zur Erkenntnis, und so schaltet er durch dekoratives Betonen der Diagonalaxen des Abakus auf denkbar einfachste und geschickte Weise die Übelstände aus. An jeder Ecke entspringt ein Rankenbüschel aus der Vase, deckt durch sein volles, geschlossen behandeltes Laubwerk die mißlichen Blößen und senkt sich an späteren Bildungen, um bedeutenderen Schattenriß des Kapitelles zu erzielen, ganz allmählich bis zum Vasenfuße. Last not least steigert der Kontrast dieser Laubgehänge gegen den nach oben schwellenden Gefäßrumpf die emporstrebende Tendenz. Ich kann mich auf Grund umfassender Vergleiche der Überzeugung nicht verschließen, daß eben ein solcher Charakter das Kumbhakapitell an den freikonstruktiven Stützen häufigere Verwendung finden ließ als das gedrückte Polsterglied, dessen ureigenes Gebiet der Grottenbau mit gewaltiger Überlast blieb. An der Hand einiger Phasen sei diese Entwicklungsskizze der Vase mit Eckranken etwas weiter ausgeführt.