Es ist keine festgeschlossene Gruppe von Künstlern, von denen wir in diesem Hefte Werke vereinigt haben; aber sie haben doch alle, von Leibl bis zu Böcklin, etwas Gemeinsames. Das ist die Andacht vor der Welt der Erscheinung, der großen Natur um uns, das ist der Wille, sie mit aller Liebe und Treue klar darzustellen, ohne dem rein Technischen eine überwiegende oder gar ausschlaggebende Bedeutung zuzumessen. Das Geschaute und durch die Seele Geklärte zur Kunst zu erheben, das ist ihnen allen mehr eigen, als daß sie nur maltechnische Experimente lösen wollten. Die Kunst der Männer, die in diesem Werke vertreten sind, bedeutet eine Überwindung dessen, was in der Zeit, als sie sich zusammenfanden, in der deutschen Kunst mächtig war. Die Historien- und Genremalerei derer um Piloty und Kaulbach, die durch eine stärkere Betonung der Farbe einst ihre Verdienste hatte, mußte zurückgedrängt werden, damit die deutsche Malerei wieder lernen konnte, mit offenen, freien Augen in die Welt um uns zu schauen.
Eugen Bracht: Bildnis Hans Thomas.
Und daß diese Malerei zurückgedrängt wurde, das war zu einem sehr wesentlichen Teil das Verdienst der Böcklin und Thoma, der Leibl und Müller. Nicht daß deren Kunst an einem neuen Punkte begonnen hätte, es sind zahllose Verbindungsfäden zur Kunst der Besten vor ihnen da. Wollen wir von den großen Alten absehen, so weist doch manches bei ihnen zurück auf Friedrich und Schwind, auf Richter und bei Steinhausen auf Cornelius. Kein Künstler kann etwas durchaus Neues bringen, er muß immer ausgehen von denen, die vor ihm waren.
Es ist ein Kreis von bedeutenden Männern, die sich in Karlsruhe, in München und Frankfurt in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren sammelten, es sind Männer, von denen ein jeder glänzende Leistungen aufzuweisen hat, von denen einige sicher zu den Größten deutscher Malerei überhaupt gehören. Ein eigenes Geschick hat es manchen von ihnen bisher versagt, die Geltung zu erlangen, auf die sie Anspruch haben. Wer aber einmal die Werke eines Eysen und Burnitz, eines Scholderer und Müller, eines Lugo, die zum Teil heute nur wenigen Glücklichen zugänglich sind, sehen kann, der wird erkennen, daß hier noch ein wichtiges Stück deutscher Kunstgeschichte aufzudecken ist.
Es war kein Geringer, der als Lehrer auf einige dieses Kreises segensreich wirkte: Der zu Jülich 1807 geborene Johann Wilhelm Schirmer, ein Schüler Schadows, war zu Düsseldorf der Lehrer Böcklins und Ludwigs, in Karlsruhe Thomas, Lugos, Stäblis und manches anderen. Seine Schüler haben ihm ein gutes Andenken bewahrt. Hier in Karlsruhe fanden sich Thoma, Bracht, Stäbli und Lugo zusammen. Als Steinhausen 1866 nach Karlsruhe kam, lebte Schirmer nicht mehr. Von Karlsruhe war es nicht weit zum Schwarzwald, und Thoma erzählt in seinen Lebenserinnerungen, wie seine Freunde Bracht, Stäbli, Lugo ihn in seine Heimat begleiteten, wie sie dort an den Bächen und Felsen nach Schönheiten suchten. Er sagt einmal: „Bracht, mein Mitschüler, kam auch, und in unserm Eifer gingen wir oft des Morgens fort, zwei Stunden weit in ein wildes Tal um — einen Stein, einzelne Pflanzen zu malen, die wir, wie wir eigentlich selber sahen, ebensogut hinter dem Haus in Bernau hätten malen können; wir stritten uns auch wohl um die Motive, die jeder zuerst entdeckt haben wollte, die wir aber doch zuletzt friedlich, meist gemeinschaftlich malten. Diese Studien waren von äußerster Gründlichkeit — über nichts wurde hinweggegangen.“
Hans Thoma: Mutter und Schwester.
Als Thoma nach Düsseldorf kam, fand er dort einen Künstler, der nach seiner Art zu ihm gehörte und der sich auch gleich manchem Zweifel anderer gegenüber zu ihm stellte, das war Otto Scholderer. Mit diesem ging er dann nach Paris, wo Courbet ihnen wie eine Befreiung war. Aber auch Millet, Rousseau, Corot fesselten sie. Diese Maler hatten der französischen Kunst die Erlösung gebracht, die Rückkehr zur unmittelbaren Naturanschauung, kein Wunder, daß all die Suchenden unter den Deutschen sich zu ihnen hingezogen fühlten. Vor allem wurde diesen in Paris klar, daß alles malbar sei.