Hans Thoma: Bildnis Adolf Bayersdorfers.

Von Paris ging Thoma wieder in den Schwarzwald nach Bernau und war hier mit Lugo zusammen. Als er Anfang der siebziger Jahre nach München ging, kam er in einen Kreis von Freunden, der für die deutsche Kunst von höchster Bedeutung werden sollte: ihm gehörten mehrere der Größten an, die die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts gesehen hat. Durch Scholderer, den Schwager von Viktor Müller, wurde Thoma mit diesem leider so früh verstorbenen Großen bekannt, der gewiß das Zeug hatte, ebenbürtig neben Böcklin und Feuerbach zu treten. Thoma erzählt nun selbst: „Um Viktor Müller bildete sich eine kleine Gruppe von Künstlern, und wenn der Name Sezession damals schon bekannt gewesen wäre, so wäre dies wohl die erste Münchener Sezession gewesen — wir wurden eigentlich sezessioniert — denn wir gehörten eben, ob wir wollten oder nicht, nicht dazu, wir standen abseits von der großen Kunstblüte, die mit den Gründerjahren hereingebrochen war. Für die Kunsthändler existierten wir nicht — also existierten wir überhaupt nicht: es waren auch nur ganz wenige, und es war für niemand verlockend, sich uns anzuschließen, Scholderer, Haider, Sattler, Eysen, auch Leibl mag, solange Müller gelebt hat, dazu gehört haben. In treuer Kunstliebe hielt Dr. Bayersdorfer zu uns, den ich bei Viktor Müller kennen lernte. Programm hatten wir keins — Bayersdorfer kam dahinter, daß „unverkäufliche Bilder“ so ungefähr unser Programm sei. In dieses schöne Zusammenleben mit Viktor Müller trat ein jäher Schluß heran. Ich war im Dezember 1872 einige Tage unwohl, und als ich wieder ins Atelier kam und Müller nicht fand, ging ich in seine Wohnung, da lag er schon schwer krank zu Bett, und in wenigen Tagen war er tot.... Es war für uns jüngere Künstler, die in ihm eine Art Führer gesehen hatten, ein schwerer Schlag. So Gutes er auch schon geschaffen hatte, sein Werk war noch nicht zur vollen Reife gelangt, denn er war einer von denen, die um der Sache willen nach Klarheit und Vollendung streben. Viktor Müller war es auch, der mich bei Böcklin einführte — schon vorher hatte er mir von dem Bild mit den zwei Frauen erzählt, das auf der Ausstellung 1869 war, und es für das weitaus beste erklärt, was auf dieser Ausstellung war. Das ist jetzt freilich nicht merkwürdig, aber es geschah zu einer Zeit, da ich von später zu Böcklinschwärmern gewordenen berühmten Malern den Ausspruch hörte, es sei viel Unsinniges auf dieser Ausstellung, aber der Gipfel der Narrheit sei das Bild von Böcklin... Mit Leibl verkehrte ich viel, und wir hatten uns gerne, jedoch merkte ich ein gewisses Mißtrauen gegen mich, weil ich im Verdachte stand, zu lasieren und andere Kunststücke beim Malen anzuwenden, die vor seinem ehrlichen Primamalen ihm wie Sünden erschienen. Der Frankfurter Maler Eysen kam ab und zu nach München; er war mit Leibl sehr befreundet, und sein hochgebildetes, unbestechliches Urteil war uns von hohem Wert. Er war eine vornehme Natur und malte in aller Stille, konnte sich auch kaum zum Ausstellen entschließen... Mit Stäbli war ich von Karlsruhe her schon befreundet, er hat den Kampf mit der Lebensnot wacker bestanden, ja denselben mit einer Art von Fröhlichkeit und Übermut geführt ... Mir war er ein treuer, teilnehmender Freund.

Adolf Stäbli: Überschwemmung.

Auch mit Frölicher, einer festgefügten, sympathischen Schweizernatur, stand ich in guter Freundschaft, und ich verkehrte besonders viel mit diesen beiden. Dr. Bayersdorfers Geistesreichtum war uns allen viel wert, sein scharfes Urteil und treffendes Wort war eine gute Waffe, die mit den Jahren immer mehr Geltung gewann — trotz seinem schlagfertigen Witz war er doch kein Spötter, davor hat ihn der hohe Ernst bewahrt, mit dem er die Kunst so aufrichtig liebte, sein Sinn war gesund, und so hat er immer segensreich für die Entwicklung des Guten in der Kunst gewirkt, aber ganz in seiner Weise ohne Programm, man möchte sagen, ohne Plan, nur durch sein persönliches Sein und durch persönlichen Verkehr... Martin Greif war auch dabei, und seine Dichtungen waren von Einfluß auf uns und standen in guter Harmonie mit unserm Denken und Tun. — Auch Du Prel erschien oft in dem Kreise, der Philosoph mit den hellen Seheraugen, die man nicht so leicht vergißt. Seine Blicke in die Welt der Mystik gehörten so recht in das Kunstgebiet, wenn es nicht verflachen und vermaterialisieren soll... Auch mit dem Schweizer Dichter Leuthold kam ich öfters zusammen.“

Nehmen wir dazu, daß zu jener Zeit auch Steinhausen und Wilhelm Trübner, der besonders mit Leibl viel verkehrte, in München waren und zu Thoma in nahem Verhältnis standen, so haben wir damit ein Bild jenes Münchener Kreises. Durch den Arzt Dr. Eiser wurde Thoma 1873 zum erstenmal nach Frankfurt geführt, auf eine fast so eigene Weise wie wenige Jahre später Wilhelm Steinhausen. Dieser war im Herbst 1876 mit Friedrich Geselschap auf Rügen gewesen. Auf der Rückreise hatte Steinhausen den Platz oben auf der Postkutsche gewählt, drinnen saß Geselschap mit dem Frankfurter Architekten Simon Ravenstein. Dieser will Geselschap gewinnen, daß er in seinen Villen Wandbilder male, der lehnt ab, empfiehlt aber seinen jungen Freund. Steinhausen sagt dann zu, und so kommt er auch nach Frankfurt.

Otto Frölicher: Landschaft.

Als Thoma dann nach Italien ging, begleitete ihn Albert Lang, von dem wir so manches schöne Bild aus Italien kennen. In Rom traf Thoma mit Lugo zusammen. Auch Hans von Marées lernte er kennen; doch waren sie nicht lange zusammen. Aber Thoma hat wohl tief in die Seele dieses eigenen, stets unbefriedigten großen Künstlers geschaut. Aus einem Wort in seinen Lebenserinnerungen darf man das entnehmen. Als Thoma dann noch einmal nach München kam, fand er seine Lebensgefährtin, eine bekannte Blumenmalerin. Vom Jahre 1877 ab wohnten dann beide zwei Jahrzehnte hindurch in Frankfurt. Hier fanden sich die Künstler, mit denen Thoma vorher in München zusammen war, großenteils wieder. Außer Steinhausen kamen auch Wilhelm Trübner und Albert Lang hierher. Zu ihnen gesellte sich Karl von Pidoll. Burnitz, Eysen, Scholderer hatten ohnehin ihren Schwerpunkt in Frankfurt. Der benachbarte Taunus gab für viele ihrer schönsten Bilder die Motive her, ebenso wie für manche von ihnen naturgemäß der Schwarzwald.

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, in diesem kurzen Aufsatz die Zusammenhänge zu behandeln, die durch die Kunst all dieser Meister geht. Wer aber all die Bilder dieses Heftes betrachtet, dem wird das, was durch sie alle hindurchgeht, offenbar werden. Mehrere der Künstler haben wir zudem ausführlicher in anderen Heften unserer Sammlung behandelt. So bedeutende Naturen, von denen ein jeder Eigenes und nicht Geringes zu sagen hat, werden einander anregen und befruchten, und es sind gewiß glückliche Künstler, die einander so finden, wie diese sich fanden.