Nach sechsmonatlichem Unterricht in der Antikenklasse durfte ich Schirmerschüler werden, d. h. ich ging in den Schwarzwald und malte dort nach der Natur, und mit welchem Eifer! Bracht, mein Mitschüler, kam auch, und in unserm Eifer gingen wir oft des Morgens fort, zwei Stunden weit in ein wildes Tal, um — einen Stein, einzelne Pflanzen zu malen, die wir, wie wir eigentlich selber sahen, ebensogut hinter dem Haus in Bernau hätten malen können; wir stritten uns auch wohl um die Motive, die jeder zuerst entdeckt haben wollte, die wir aber doch zuletzt friedlich, meist gemeinschaftlich, malten. Diese Studien waren von äußerster Gründlichkeit und Sachlichkeit — über nichts wurde hinweggegangen. Es gab damals noch keine Theorie „moderner Errungenschaft“ im Farbensehen — das war auch gut für uns.
Es war anfangs Juni, in Freiburg hatte ich übernachtet und machte mich am Morgen auf zu dem achtstündigen Weg nach Bernau. Das ganze Sommerglück ruhte auf meiner Seele, als ich rüstig durch die Wälder hinan in die Berge hinaufschritt. So ganz im jugendlichen Vollgefühle, der Mittelpunkt der Welt — denn alles gehörte ja mein, was ich sah, für mich war die Welt da. Ich fühlte mich als das, was man seit Nietzsche heutzutag eine „Herrennatur“ nennt. Am Mittage, als ich die höchste Höhe meiner Wanderung erstieg, die „Halde“, ballten sich die den Vormittag verklärenden weißen Wolken zu einem Gewitter zusammen, das über der Rheinebene stand, fast unter mir; seine Blitze zuckten bis in die Berge hinüber, der Donner klang mir wie ein Jauchzen des Übermutes in der Natur — Regenschauer wechselten mit Sonnenblicken. Es kam so etwas wie Schöpferfreude über mich — denn war nicht diese Großartigkeit und Pracht für mich da? — war ich nicht dazu berufen, sie zu sehen? Stille Anbetung und fröhliches Jubeln erfüllten meine Seele, und hätte ich Worte gefunden, so wäre mein Gesang ein Psalm gewesen.
Die Rückkehr in die kleine Akademie in Karlsruhe schob ich immer so lang wie möglich hinaus. Öfters ging ich, um nicht in Freiburg übernachten zu müssen und den Zug nach Karlsruhe zu erreichen, in Bernau spät nach Mitternacht fort. Durch die schneereiche, mit schwachem Mondlicht beleuchtete Novembernacht, nach schwerem Abschied von den Lieben, ging ich ins Tal hinunter — die Felsen und die rauschenden Wasserfälle gebärdeten sich ganz wild in der unheimlichen Nachtstille; wie war es mir doch so schwer ums Herz, wie so gar dunkel lag die Zukunft vor mir — die Sorge, wie es weiter mit mir gehen werde. Nach vierstündigem Wandern ging der Mond unter, und ich mußte durch einen dunklen Wald, in dem der beschneite Weg mich leitete — aber auch Sorgen machen furchtlos, und sie waren stärker als alle Nachtgespenster. Auf der Haldenhöhe, von wo ich einst in das Sommergewitter hineingejubelt hatte, begann ein Schein, wie von einer schwachen Dämmerung, die Schneehalden aufzuhellen — ein Rosaviolett erhob sich aus dem Dunkel — ein kaum merklicher Farbenhauch, der nur auf der Reinheit des weißen Schnees sich geltend machen konnte — aus diesem Rosa wuchs der Morgen herauf. Auf der letzten Höhe über Freiburg lag dieses und das ganze Rheintal eingehüllt in dichten Nebel — oben auf den Bergen war der helle Morgenschein — die Sonne brach herauf — aber ich mußte hinuntersteigen in den Nebel; grau war Freiburg, grau die Fahrt nach Karlsruhe, und es blieb mir lange das Gefühl, als ob der Schwarzwald golden wäre.
Abendruhe
Schwarzwaldtanne