Und er sprach langsam: „Die Scham ist die Tochter der Sünde, aber die Reinheit kennt keine Scham. Deshalb muss sie nackt gehen, dass die Menschen sie sehen und schamrot werden vor ihrer strahlenden Nacktheit. Jede Fiber gehört dem Ganzen. Die Seele ist nicht edler denn der Leib. Aber der Leib muss edel sein, wenn ihn die Seele erkennt. Es giebt nicht Mann und nicht Weib, nicht Hass und nicht Lust. Alles ist eins. Die Scham ward gewebt zum schleiernden Schutze, [pg 257]den Schleier zerreisst, wer die Wahrheit erschaut, Wenigen zu erschauen nur und Allen furchtbar! – – Das ist das letzte der Geheimnisse. Ich sage es Dir, weil Du meine Braut und Verlobte bist. Behalte es wohl und sage es Niemand.“
Danach küsste er sie. Er küsste ihre Augen, ihre Lippen und Wangen. An ihren Schläfen küsste er sie. Und er nahm sie in seinen linken Arm, der der Herzarm ist, und küsste sie auf die beiden Rosen ihres Busens. Denn im Busen der Frau ist die Weltkugel und der Apfel, Macht und Verderben. Und vom Schoosse des Weibes kommt alles Lebendige, Segen und Fluch.
Darauf hielten sie zusammen das Mahl. Er reichte ihr das Brot und sie ass von seinem Brote. Er bot ihr den Wein und sie trank mit ihm von dem Wein. Und assen von allen Dingen, die auf dem Tische standen und wurden ganz fröhlich.
Wie nun die Morgenröthe heraufkam, verliess er sie wieder. Der blöde Knecht sah, wie sie die Riegel aufschloss. Denn die Eisenbarren waren viel zu schwer für einer zarten Jungfrau Hände. Dennoch that sie es mit Leichtigkeit. Sie war in ihrem Brautschmuck, weiss in ihrem weissen Kleide, mit der purpurnen Stirnbinde.
Er hielt sie in seinem Arm wie sein eheliches Weib. Sie küsste ihm die Lippen und küsste seine Augen. Und sprach: „Fahre wohl, mein geliebter und seliger Herr! Ich warte und harre des Tages, da ich neben Dir das Brautbett besteige.“
Das dünkte dem Knecht schier eine seltsame Rede für eine so untadelige Jungfrau. Aber sie stand ruhig und sah ihm zu, wie er sein Pferd bestieg.
Danach ging sie wieder in ihr Haus, schlug ihre Sachen zusammen, übergab Alles dem Knecht und sprach: „Ich gehe. Ich habe viel zu thun. Und die Zeit ruft.“
Diese wurde eine sehr heilige und wunderbare Frau. Man brachte viele Kranke zu ihr, die sie heilte, indem sie ihnen die Hände auflegte. Und Einige wurden nicht geheilt, die ungläubig waren, sie versuchten. Solche trieb sie mit Schelten von ihrer Thür: „Wie Ihr thöricht seid und tückisch und so ganz schamlos!“
Niemals aber sprach sie über ihre Geheimnisse dieser Nacht. Nur eine grosse, selige Freude war immer in ihr. Wie sie starb, war da eine Jungfrau, wo eine alte, blinde und kränkliche Frau gewesen war. Niemand hatte je eine schönere [pg 259]Jungfrau gesehen. Diese, als man sie sehr genau sah, hatte an ihren Händen Stiche als von rothen Nägelmalen. Sie durchbohrten auch ihre Füsse. Eine offne Wunde war in ihrer Seite, von der das Blut floss. Man gewahrte auf ihrer Stirn Eindrücke, als ob Dornen um ihr Haupt gewunden gewesen und in die Haut eingedrungen waren. Alles dies war sehr deutlich. Sie hatte es immer an sich getragen, nur verborgen in ihrer Bescheidenheit vor den Menschen, da sie sich selbst nie für solcher mystischen Ehrung würdig gehalten. Und beständig sich selber schalt, dass sie schwach sei und arm im Glauben, nicht eifrig zu den Werken, wie es sich einer guten und getreuen Hausfrau geziemte, das Erbe zu verwalten, während der Herr und Ehgemahl abwesend ist. Als sie nun auf dem Sterbebett lag, blass und abgezehrt, sehr schwächlich vom übergrossen Leiden, that sie plötzlich einen lauten Schrei wie von seligster Freude. Die bei ihr waren, darunter der Knecht, der sie einst bedient, sahen einen weissen strahlenden Engel als einen herrlichen Helden. Und er nahm sie bei der Hand und führte sie in das Brautgemach, wo purpurne Rosen lagen auf silberweissen Linnen.
Der Knecht, ein uralter Mann zu der Zeit, aber ganz klar in seinem Kopf, vorsichtig und abwägend in aller seiner Rede, schwor, dass es derselbe gewesen, der sie damals besucht. Viele sprachen über diese seltsamen Geschichten: Es ist ein Wunder, Hysterie und Aberglaube. Und welche glaubten noch schlechtere Dinge.