Diesen ward die Zunge schwarz in ihrem Mund, und faule Worte kamen nur, dass selbst die, die sie sonst gehört, einen Abscheu vor ihnen hatten. Selbige schrieen laut auf: „Die Scham ist todt! Die Scham ist todt!“ stürzten sich unter Schweine, dass man sie für solche hielt, einsperren und schlagen musste wie niedrige Thiere. Ein Schrecken fuhr in alle Leute der Gegend. Und fürchteten das Grab und sagten: „Lasst uns eine hohe Mauer darum bauen!“
Nur die Jungfrauen kamen und brachten weisse Kränze. Und ward ein Heiligthum da für untadelige Jungfrauen, die nie ein Mann berührt hatte, und sehr stark waren, herrliche Thaten vollbrachten vor allem Volk.
Das vierzehnte Kapitel.
Aber der ganze Jammer des Daseins fiel auf ihn eines Abends, da es schon dunkel war, er einsam sass im Staube neben der grossen Heerstrasse.
Er dachte an die Jahrhunderte, die dahingegangen waren, und dass sie alle für nichts gewesen. Hunger, Hass und Kriegslärm füllten die Welt. Jeden Tag unter dem richtenden Beil fielen Häupter Unseliger, Unschuldige gingen hin und erwürgten sich selbst in Angst und blutiger Noth ihres Leibes.
Die Selbstsüchtigen herrschten immer, die, die hart waren, nur schufen für sich selbst, ohne Sorge traten auf die nackten Leiber der Verzweifelten. Die, die dumm waren und nicht dachten, schienen klug. Die feige waren, tapfer, und solche, die [pg 262]frassen wie die gefrässige Raupe auf ihrem Blatt und fett wurden, weil sie frassen – aber der Baum selbst starb –, galten für die wahren Guten. Man pries sie als Muster der Tugend, zeigte sie denen, die unvernünftig waren und eigengesinnt: „Seht, wie sie sind! Wie sie nahrhaft werden und fett! Nehmt Euch ein Beispiel an ihrem Gedeihen, Ihr, die Ihr Flügel habt, die zu schwach sind, der Sonne zustrebt, die Euch verbrennt!“
Diese aber waren die schlimmsten Feinde und sie galten für den Hort aller Tugenden, hielten die Sitte hoch in ihrer heuchlerischen Klugheit, weil der losgelassne Wolf sie zerrissen hätte innerlich, und standen auf dem Boden des Worts, weil es ihnen nützte für ihre Zwecke, der Strom sie sonst fortgeschwemmt hätte in seinem Ueberschwellen.
Solcher aber waren Viele. Sie hielten die Gewalt und das Geld. Die Andern zerbrachen ihre Kräfte an denen, stiessen ihre Stirnen blutig und sahen doch nicht was darüber war, über ihrer dummen Klugheit, die wahre Weisheit, über ihrem Geiz die weite Liebe, über ihrer Ungerechtigkeit die grosse Gerechtigkeit. So dass diese ihre besten Kräfte verbrauchten, auch müde wurden, dahin[pg 263]gingen in Lastern, Leichtsinn und Unzucht. Weil sie sprachen: „Unser Leben ist kurz und wird uns zugetheilt in kleinen Tropfen. Wir wollen es auf einmal leeren, damit wir den Rausch kennen in seiner Wollust. Und nachher hungrig sein und frieren.“