Und diese wieder wechselte sich. Es wurde eine ganz weisse Schlange. Sie trug ein Krönchen auf dem Kopf. Sie bewegte sich rhythmisch zu einer Art Musik. Ihre Schuppen glänzten wie Perlmutter, wenn sie sich bewegte, und ihre Augen [pg 270]waren rothe Rubinen. Ein rosa Züngelchen kam aus ihrem gespalteten Kopf. Sie züngelte damit und leckte sich zierlich wie Katzen thun. Und rollte sich zu Ringeln und lag ganz zusammengeringelt, als ob sie schliefe. Aber sie schlief nicht. Ein Zittern von Gier und Gift rann durch ihren Leib, der sich milchig blähte unter dem Bauch.
Und die Stimme sprach: „Das ist die falsche Weisheit der Welt. Sie ist arglos und ungefährlich anzuschauen. Aber das feinste, siebenmal gefilterte Gift. Wer diese Schlange anrührt, der stirbt und fühlt nicht den kleinsten Schmerz, nicht wie einen Nadelstich in die Hand, da man sich das Blut abwischt und weitergeht.“
Danach sah er noch eine schwarze Kröte, die in ihrem Sumpf sass und glotzte, Harpyen, die mit den Flügeln schlugen, Bären und Wölfe. „Das sind die gewöhnlichen Sünden, Reichthum, faules Leben, Unfrieden und Zankhaftigkeit der Weiber. Alle diese sind nur hässlich. Und Sünden der gewöhnlichen Menge. Denn vornehme Herzen werden von ihnen nicht gerührt, die Andern aber sind die Vornehmen, die Grossen. Die Besten verfallen ihnen.“
Diese Vision verschwand. Er blieb allein in [pg 271]der Nacht. Die Kälte war um ihn her und er fror. Die Gedanken huschten in seinem Kopf und schlugen an das Schädeldach wie mit klappenden Flügeln. Seine Seele war sehr matt in ihm. Er sprach: „So es so viele Uebel giebt, die Sünde also gross und mächtig ist für die Besten, wäre es nicht besser zu nehmen was schön ist, fröhlich sein im Tage und sterben, wenn es Zeit ist, das Unglück kommt?“
Alsbald kam da ein Zug von lieblichen Mädchen, die Cymbeln und Schalmeien trugen. Und hielten in ihren Händen Flöten und Harfenspiele, harte Hölzer, die sie schwirrend schwangen oder gegeneinanderschlugen im Tanze. Ihre Haare waren mit Blumen gekränzt. Die Blumen fielen gleich Sternen über ihr Gelock. Sie trugen Blumen in ihren Armen und hatten lichte Gewänder an und sangen: „Lasst uns fröhlich sein und singen! denn das Leben ist kurz, die Jugend verfliegt schnell. Die Jugend ist die Lenzzeit im Leben und die Liebe ist der Sonnenschein am Maitag!“
Dann kamen junge Knaben und holten sich diese, führten sie weg zu blühenden Lauben und heimlichen Grotten. Und wandelten mit ihnen Arm in Arm, küssten sich zärtlich, lachten und kosten.
Sie tanzten wilder. Die Lust stieg. Becher wurden gebracht. Ein Jüngling erschien auf goldnem Wagen, den Pardel zogen, von Weinlaub umkränzt. Und Alle schrieen: „Heil! Heil! Bacchus Evoë!“
Der Jubel ihrer Freude scholl durch die Nacht. Sie schwangen Fackeln. Es gab welche, die sich selbst durchstachen, sich Wunden schlugen mit kurzen Schwertern, denn sie wollten heute sterben, weil sie doch morgen todt sind.
Und Einige wohnten in Hüttchen und hatten Kinder gezeugt, die sie jauchzend emporhoben: „Wir sind glücklich. Und das Leben ist kurz. Die Liebe ist reifes Erntegold im Sommer.“
Er sah eine junge, lächelnde Mutter, die ihr Kind an der Brust hielt. Der Sommerhimmel lag in ihren Augen blau und satt. Ihr Leib blühte und entsandte Wärme wie der Weizenacker im Juni. Man hatte um sie einen Rahmen gebaut in der halben Brusthöhe wie eine goldne Aureole. Das Kind sog. Sie lächelte. Sie war glücklich.