So sprach er zu sich selbst. Er sah die Nacht herkommen über die Felder. Sie kam wie eine starke, riesige Frau mit einem schwarzen, sammetnen Mantel. Die Bäume standen wie dunkle Keulen Gewaffneter und die Stimme des Wassers wurde deutlicher, wie es hallend fiel mit ewig sich lösenden Tropfen.
Er sah in die Nacht und frug sie: „Bist Du, die kommen soll?“
Sie sprach: „Ich war.“
Plötzlich hob sie ihren Mantel auf. Und es war ihm, als könnte er tief hineinsehen in die Nacht, die Nacht aller Zeiten, die vor den Zeiten gewesen war.
Er sah die Nacht, die Nacht selbst, von der die Dunkelheit kam und der Schatten.
Sie lag wie eine Sphynx, die ein Weib war, und ihre andre Hälfte war eine Löwin. Die Schultern des Weibes aber lagen über den Tatzen der Löwin und ihre Brüste starrten gerade wie gerichtete Schwerter. Zu beiden Seiten ihres Hauptes lief eine königliche Binde mit Streifen und Zeichen. Sie schnitt die Stirn niedrig ab und ihre Augen standen weit offen, marmorne Augen mit todten, runden Bällen, die geradeaus sahen. Ihre Lippen waren geschlossen. Sie lag ruhig mit milchschweren Brüsten über tödtlichen Tatzen.
Sie wechselte sich. Und wurde ein schauderhaftes Idol. Auf den Schultern eines eisernen geharnischten Mannes reckte sich ein Vogelkopf mit spitzem, gebognem, hackendem Schnabel. Ein kreisrundes Auge war eingesetzt aus blauem, hellem Email, in der Höhe des Schnabels, da wo er anfing. Gen Osten stand dieser Mann. Auf einem hohen Postament, die Hände auf sein Schwert [pg 268]gelegt. Die Arme bildeten ein Viereck mit den Schultern und staken in Schienen. Sein Schwert stand ganz gerade, breit wie eine Hand. Senkrechte Riefen liefen mitten durch, in denen das Blut abtropfen konnte. Die Klauen seiner Hände krallten sich um das Schwert. Der Leib und die Beine standen gerade, nach vorne, und der Vogelkopf mit dem Schnabel sah gegen Osten.
Wie er diesen noch betrachtete und schaudernd ansah, geschah eine Stimme zu ihm, die sprach: „Das ist die Gewalt. Ihr fielen Könige zum Opfer. Sein Schnabel ist schwarz vom Geifer der Lebern. Sein Schwert roth vom Blut. Sein eiserner Leib wird glühend vom Feuer verbrannter Städte.“
Das Symbol wechselte sich. Und es wurde eine schwarze Astarte, ganz aus schwarzem Metall, aus Stein oder Eisen, das man geschwärzt hatte, und es glänzte nun schwärzer wie Ebenholz, gefettete Leiber der Neger. Sie stand ganz aufrecht. Der Leib und die Beine waren mit Binden umwickelt. Sie kreuzten sich und kamen wieder, von der Hüfthöhe bis an die Gliederung der Zehen. Zeichen waren in diese Binden gegraben, Striche, Muster, Rubinen, grüne Smaragden und sehr dunkle Saphire. Sie folgten sich rhythmisch und redeten [pg 269]eine geheimnissvolle Sprache über dem Schwarz, das kam und ging. Dieser ganze Theil des Leibes mit dem Bauch und den Schenkeln war sehr dünn und gerade wie bei einem unmündigen, ganz unentwickelten Kinde. Und darüber drängten sich erschreckend tausend Brüste. Eine Ueberfülle von Brüsten, Beeren der reifen Traube, Wellen, die sich stossen, strömen. Man sah den Kopf im Dunkeln, sehr hoch, mit harten Lippen, steinernen Augen, die hierarchische Binde, die zu beiden Seiten fiel. Die Brüste gleissten, rieselten, Aepfel, Kugeln, gehärtete Spitzen, schwarz, von einem ungeheuerlichen, unirdischen Schwarz, Grünschwarz der Schlangenhäute, Tollkirschen, verwester Ueberreste in ihrer Zersetzung.
Und die Stimme sprach: „Das ist die Wollust, die Verfluchte. Alles stirbt in ihr. Nur das Eine lebt. Und es wird zur Schauderhaftigkeit, zum Ungethüm. Unfruchtbar ist sie, denn sie ist von Eisen. Ihre Seele in ihr ist Mord.“