Dieser, der noch ein junger und rechtlicher Monarch war, empfing ihn freundlich. Er hatte auch gute Gedanken für die Besserung und für Alle, beklagte dass Vieles nicht zu seinem Ohr kam, auf ihm aber als dem Höchsten die Verantwortung ruhte. Nur hoffte er zu Gott, dass ihm das nicht angerechnet würde, da er sich nach besten Kräften bestrebte, auch zu Gott betete, bevor er Urtheil abgab in den grossen Sachen, die über [pg 283]Tod und Leben waren und Leben und Tod vieler Tausende.
Zu ihm sprach der kühne Mann: „Mein Fürst! Du bist ganz und gar unfähig zu urtheilen, im Einzelnen, wie nun gar über viele Hunderte und Tausende. Siehst Du die Seelen der Menschen, vom unschuldigen Kindlein an, wie es war, dass sie also schlecht wurden und Böses thaten? Ob es eine Krankheit im Blut gewesen sein mag, Schlechtigkeit, Ungerechtigkeit und Unsauberkeit der Welt, die Deines Volkes ist, davon Du Verantwortung trägst? Das Gericht wird gesprochen in des Königs Namen. Wenn ein Krieg ist, erklärst Du ihn. Der fremde Fürst nimmt Deine Erklärung an. Ihr Beide steht für Eure Völker, das Recht Eurer Sache. Wie mag ein Einzelner solche Beschwerung ernstlich übernehmen? Und wie Du zerbrechlich und von elendem Staube bist, in Schmerzen geboren, krank eines Tages und einen andern gesund, sterben musst und Dein Leib wird Würmerspeise, so sind Deine Brüder, nicht besser und nicht schlechter. Niemals war es Gottes Wille, dass der Eine herrlich gehen sollte in Purpur und Sammet, der Andre wie ein Vieh im Staub kriechen, und viel weniger denn [pg 284]ein Vieh, da er nicht hat seine Blösse zu bedecken.“
Worauf der Fürst sagte, dass er dies in der That beklage, auch sich selbst nicht für besser hielte denn andre Menschen. Nur müsste Einer der Mächtigste sein um der Ordnung willen. Es würde sonst Alles Unordnung und Anarchie.
„Unordnung und Anarchie ist schon in der Welt,“ sprach der Mann des Volkes traurig. „Eine Nation steht gegen die andre. Die stark sind, überwältigen die Schwachen. Die schwach sind treten wider die Andern, die noch schwächer sind, Weiber und Kinder. Es ist nicht mehr Gerechtigkeit denn unter Läusen und Ungeziefer, und was das Recht genannt wird, ist eine neue Waffe, die die Besitzenden geschmiedet haben, um ihren Besitz festzuhalten und den Gar-nichts-Habenden zu wehren. Durch List, Ehrgeiz und Kriechen gelingt es denen manchmal hineinzukommen. Diese Söhne von Sklaven drücken ärger denn die Herrengebornen, denn sie sind niedrig. Ihre Seelen sind niedrig wie der Staub, dem sie entkrochen sind. Der aber eine hohe Seele hätte, könnte Niedriges nicht um sich dulden. Es würde ihm unerträglich sein, sein Ebenbild besudelt zu sehen im Koth, schlechter [pg 285]denn der Fussboden unter seinen Füssen, den er tritt. Ja, welcher ganz hoch dächte, steige hernieder von seinem Thron und würfe über ihre blutige Schmach den blutrothen Purpur seiner Hoheit, wie unser höchster Herr Christus sein edelstes Blut vergossen hat für uns Alle. – Und recht königlich handelte er, der so thäte, fürstlich und kaiserlich!“
Da ward der junge Fürst ungeduldig, hiess ihn fortführen. „Ich will Dich später hören,“ sagte er. Die Rede hatte ihn unmuthig gemacht. Aber Manches nahm er sich an, hiess auch den Mann öfter vor sich kommen, discutirte mit ihm. Aber auf seine Rede kam er nicht zurück. Er blieb traurig. Die Diener des Königs liessen den Demagogen nicht aus dem Gewahrsam, denn die Aufregung war gross in der Stadt und im Land. Viele zogen durch die Strassen in Haufen, die Brot und Arbeit verlangten. Man rief den Soldaten zu, dass es ihre Pflicht wäre, die Waffen niederzulegen, sich zu verbinden mit den Empörten.
Fritz Kuhlemann aber blieb im Gefängniss.
Um dieselbe Zeit nun sprach man von einem wundersamen Buch, das ein Unbekannter geschrieben hatte, oder doch ein Bekannter, denn [pg 286]Viele vermeinten die Art und Redeweise zu erkennen eines gewissen Doctor Anton Rothe, der grosses Aufsehen erregt hatte zu einer Zeit, dann lange Jahre verschollen war. Man sagte, dass er sie in wüsten Ausschweifungen verbracht mit einem Fürsten auf Reisen. Derselbe war blind und auf den Tod krank gewesen Monate lang. In diesen Wochen hatte er das Buch geschrieben. Er hatte es einem Knaben in die Hand dictirt, der nicht schreiben konnte. Und siehe! die Zeichen standen fest und deutlich wie Buchstaben, dass Jeder sie lesen konnte, die die zu lesen verstanden und so nichts vom Lesen und Schreiben wussten, als Kinder und ganz ungebildetes Volk. Es hiess: „Die Blinden, die sehen ...“ In wundervoller und deutlicher Weise war geschrieben, wie Christus eintritt in alle Dinge dieser Welt, das Heilige und Kräftige in der Verwesung, die linde Sonne, die schafft und leuchtet. Und schied das Licht von der Finsterniss, und ging grausam in’s Gericht mit dem, was schön gewesen war und herrlich, zeigte es klar wie es war in entsetzlicher Todtenlarve, dass ein Schauder die Menschheit erfasste, Manche in fliegendem Entsetzen das Werk ihrer Hände zerbrachen.
Und schied überall die Finsterniss vom Licht, die Gedanken von der Form, den Geist vom Körperlichen, das heilsam und gut gewesen für eine kindlichere Zeit.
Und pries die Güte, die reine Unschuld, die Schwachheit, die das Heldenthum ist. Wie Alles ewig ist und Bestand hat, das aus der Liebe geboren ist. Das Andre ist Staub und Schlacke. Es muss verbrennen und immer mehr wegbrennen in immer reinerem und stärkerem Licht, bis nichts mehr bleibt, als das unaussprechliche wunderbare Licht in Gott. Einige sehen es schon im Leibe. Viele aber erst nach diesem Leben. In Allen ist der Funke und das Abbild. Sie leiden und brennen. Das Feuer des Leidens ist die Läuterung.
Der aber das Buch geschrieben in den unaussprechlichen Qualen seines Leibes und Gewissens, dem war es wie Schuppen von den Augen gefallen. Er sah nun und niemals wieder würde ein Flecken in sein Auge kommen. Ganz kleine Kindlein sahen von selbst. Ihre Augen sind stet, flackern nicht unruhig wie die der Menschen.