Dass sie sich nicht einigen konnten, der König ihn wegschickte im Aerger.
Diesem stiess ein ganz seltsames Begebniss zu.
Als er nach seinem Jugendfreund Johannes fragte, der sein bester Geselle gewesen war, Rathgeber in allen Dingen, – und er hatte keinen lieberen Freund wie ihn oder einen, der gerechter war und weiser, – sagte man ihm, dass dieser sein Haus nicht verlassen habe, hielt sich eingeschlossen in seinem Hause und antwortete Niemandem, nicht seinen Eltern, die ihn mit Thränen beschworen, noch seinen Freunden, die um ihn sorgten, auch nicht den Vorgesetzten, die ihn zu den Pflichten seines Amtes ermahnten. So dass Jedermann anfing an seinem Verstand zu zweifeln, die seltsamsten Gerüchte über ihn umgingen in der Stadt. Nur eine schlechte, wilde Katze hätte er mit sich gebracht aus dem Walde. Er gab ihr [pg 315]zu essen und beobachtete sie lange auf ihren Raubgängen. Des Abends kam sie sehr nahe zum Feuer und schlief da zusammengerollt mit eingezogenen Krallen, während er wachend dachte, das Oel nicht ausgehen liess Tag und Nacht. Ganz verwildert war er in seinem Aeussern, mit langhängendem Bart und Haaren, dass alle seine Freunde anfingen, an eine Verwirrtheit zu glauben, grosse und berühmte Aerzte herbeizogen aus der Stadt und Gegend. Sie stellten ihm viele Fragen, betasteten seinen Puls und die Zunge. Aber er antwortete ihnen gar nichts. Sie konnten kein Zeichen einer Krankheit an ihm finden.
Es war ein junges Mädchen in der Stadt, die Tochter eines angesehenen und gräflichen Hauses, wohl angeschrieben bei Hofe. Diese hatte schon lange im Geheimen eine Zuneigung zu dem jungen Prediger, wie kindliche, unschuldige Mädchen fühlen, ohne davon zu sprechen oder gar demjenigen ein Zeichen zu geben. Nur fehlte sie niemals in seiner Kirche, jedes kleine Geschenk oder zufällig von seiner Hand Berührte hob sie sorgfältig auf. Traf sie ihn unversehens, stieg sofort die hohe Röthe der Scham ihr in die Stirn, denn sie schämte sich ihrer Sehnsucht nach dem Mann, in der Keuschheit [pg 316]ihres Leibes, während ihre Liebe doch zugleich ihr höchste Freude und Seligkeit war, also trefflich erschien er, wohlgelobt und hochgehalten vor allen Menschen. Und war nicht, der an ihm rühren konnte, weder die Frechen, noch die Lügner.
So liebte sie allein im Garten sich zu ergehen, oder in ihrer Stube lange zu sitzen mit dem offnen Fenster im Frühling. Sonst war sie sanft und freundlich zu Jedermann, ein sehr liebliches, junges Mädchen, obgleich zart, zierlich gebildet wie eine Maiblume, mit zu schweren blonden Haaren, einer weissen Haut, unter der man die blauen Adern sah. Ihre Eltern, ob sie gleich ihre geheime Zuneigung ahnten, sagten sie ihr doch nichts. Weil sie so jung war, wollten sie sie nicht erschrecken, indem sie an die Geheimnisse des Geschlechts in ihr rührten. Vielleicht hofften sie auch, dass später sich finden würde, was noch fern war und Zeit hatte. Selbst die alten Eltern des von ihr Verehrten wollten ihr sehr wohl, empfingen sie oft und seine Mutter liess sie an ihrer Seite sitzen. Denn sie war ein sehr anmuthiges und feines Kind, lind und kosend wie ein früher Lenzmorgen unter Aprilschauern.
Diese Jungfrau, als sie von der Krankheit ihres [pg 317]Geliebten hörte, dass Niemand zu ihm sprechen könnte, er allein sass mit der hässlichen Katze, machte sie sich allein auf, ohne irgend einem Menschen etwas zu sagen. Sie zog ihr weisses Kleid an, das ihr ihre Eltern geschenkt hatten zu dem ersten grossen Fest am Hofe, band ihre Haare auf, machte sich zurecht also hübsch und zierlich, als sie vermochte in ihrer Jugend und Unschuld, und ging zu ihrem Johannes hinauf in die Kammer, wo er sass und brütete. Und die Katze hockte neben ihm am Feuer, blinzelte mit grünlichen Augen, putzte sich zierlich und schlug mit den Pfoten in die Luft nach Fliegen. So satt war sie geworden von all’ der Milch und dem guten Fressen, dass ihr Körper rund erschien wie ein Ball. Er selbst war ganz eingefallen. Seine Backen zeigten tiefe Löcher wie die eines Todtkranken. Er starrte aus hohlen Augen und rieb die mageren Finger hin und her, eine Hand über der andern.
So erschien vor ihm die Jungfrau in all’ ihrer Scham und Lieblichkeit. Aber er sah sie gar nicht, fuhr fort zu starren und die Finger gegeneinander zu reiben.
Sprach sie zu ihm: „Lieber Herr! Was fehlt [pg 318]Euch? Alle Eure Freunde sind in Sorge. Eure Eltern weinen. Vielen ist es ein grosses Kümmerniss, Euch also schwerkrank und schweigsam zu wissen.“
Darauf sah er sie wirklich an, aber immer noch ohne sie zu sehen, gleichsam als schaute er durch sie hindurch, da, wo sie war, blieb nichts. „Bist Du eine Katze?“ sagte er zu ihr. „Gehst Du des Nachts auf Raub aus, wenn es dämmrig ist? Hast Du Junge, die Du säugst mit Deinem Blute?“
Solche Rede erschreckte sie. Sie konnte nicht anders glauben, als dass es der Wahnsinn sei, der aus ihm redete. So kamen ihr die Thränen in die Augen. Sie sprach mit thränenvoller Stimme: „Lieber Herr! Wollt doch zu Euch kommen und Euch bedenken. Ich bin die Jungfrau Ottilia, die Ihr wohl kennt. Ich bin hierhergekommen, weil mich die Sorge um Euch trieb und ich Sehnsucht zu Euch getragen lange unter meinem Herzen.“