Diesen nach brauste der Sieger. Da waren die Pferde zuvorderst. Sie griffen mächtig aus in weiten, jagenden Sprüngen. Ihre Reiter feuerten sie an, wie man Jagdhunde anfeuert, eine Meute auf der Fährte. Diese sassen aufrecht im Sattel, zurückgeworfen. In ihnen lebte nur noch die Lust zu fangen, zu stechen, abzuthun, Feuer des Kampfes und der Stolz des Sieges. Ein ganz junger Kürassier fiel auf, ein Knabe noch, bartlos. Er sah aus wie ein rächender Engel mit schrecklichen, offenen Augen, den Mund dürstend emporgehoben.

Das Fussvolk folgte langsam. Diese installirten sich auf dem Schlachtfeld. Sie bezogen Vierecke und Gassen. Man pflanzte die Geschütze auf in einer Art Park. Feuer zum Kochen wurden angezündet. Alle diese Menschen rieselten von Schweiss, waren zu Tod ermüdet. Sie schliefen, eh’ sie noch daran dachten, zu essen. Mit geöffnetem Munde, in der Stellung, die sie gerade innehatten. Zwischen Ueberresten des Tages, Leichen und Pferdeäsern.

Die Barmherzigkeit begann ihr Werk. Man sah sie mit Laternen herumgehen, irrenden Glühwürmchen vergleichbar, weissgekleidete Gehülfen, rothe Kreuze auf den Aermeln, dunkle Gestalten der Aerzte. In der Eile wurden Tische aufgeschlagen, Verbandzeug entrollt, in dem Schwestern hantirten.

Ein Zelt war hergerichtet. Da schnitten, sägten, verbanden die Aerzte die ganze Nacht. Wenn Einige vor Erschöpfung umsanken, traten Andre ein. Aber der Aelteste wurde nie müde. Bis über die Ellenbogen im Blut, mit triefender Schürze, ein kurzes Wort hier und da, that er seine Arbeit.

Auf dem Schlachtfeld selbst, einem kleinen Hügel gegenüber, hatte der siegende Feldherr sein Haupt[pg 345]quartier aufgeschlagen. Auch da ging es lautlos zu. Adjutanten glitten wie Schatten. Man sah es ihnen an, sie kamen sich ausserordentlich wichtig vor. Jetzt gingen die Depeschen in ihre Hauptstadt. Sie würden die Helden des Tages sein. Man sprach von ihnen. Mancher schwebte sich schon wieder im glänzenden Salon vor, männlich ernst in hochgeschlossner Uniform, die zärtliche Huldigung der Schönheit entgegennehmend. Man würde sagen, dass der Feind tapfer war, der Krieg ein grosses Unglück sei. – Je näher sie dem General kamen, seiner Person und seinem Rang, desto ernsthafter und wichtiger wurden sie. Sie befahlen gleichgültige Dinge, eine Tasse Thee oder kalte Zunge, mit der Miene von Diplomaten, die über Sein und Nichtsein von Staaten entscheiden. Niemand war heiter oder betrank sich. Das war für die Troupiers draussen, die gewöhnliche Mittelsorte, das Kanonenfutter. Der General liebte dergleichen nicht. Man entsann sich nie, ihn lachen gesehen zu haben. Die Soldaten liebten ihn. Er war einfach und gerecht. Das ist ein sichrer Weg zum Herzen des gemeinen Mannes; er erkennt die Comödianten sofort, sogenannte Liebenswürdigkeit ist ihm als Laune verdächtig. – [pg 346]Niemals sah man diesen Feldherrn Vorlieben haben. Er liebte seine Soldaten. Er that seine Pflicht.

Der General war allein. Er hatte seine Berichte abgefasst, schlicht, ohne Zusätze und Phrasen, wie es seine Art war. Die Schlacht war gewonnen, die Verfolgung im Gange. Die Kreisbewegung, durch die er den Feind in die Mitte nahm, ihn dann von allen Seiten zugleich zermalmte, hatte sich als vollkommner Erfolg bewiesen.

Er war ein Greis von beinah achtzig Jahren. Aber ein sehr starker Greis. Man sah es seinem Gesicht an, dass er das Klima aller Zonen getragen hatte. Sein Ruhm stand ehern wie ein Felsen. Unerschütterlich wie sein Ruhm war seine Gerechtigkeit. Dieser Mann verzieh nicht. Er strafte auch nie ungerecht, weil er die Macht dazu hatte. Seine Siege waren wie die eines Richtschwerts, das aufgehoben ist und fällt. Er besass keinerlei Eitelkeit, keine Leidenschaften und Schwächen. Sein junger, einziger Sohn war gefallen in diesem selben Krieg, gegen den General, den er heute vernichtet hatte. Dies erbitterte ihn nicht. Es machte ihn auch nicht weicher. – Er war ein grosser Mann.

In dem engen Zelt war es heiss. Ein fader [pg 347]Geruch war in der Luft, von Pulver, zu vielen Menschen, stehendem Blut. Selbst in dieser Nachtkühle machte er sich bemerkbar.

Der Adjutant schlief im Vorzimmer auf einem Stuhle. Es war ein junger Edelmann aus einer sehr vornehmen Familie, äusserst correct immer mit blendend weisser Wäsche und gefeilten Nägeln. Wenn er den General gesehen hätte, wie er aufspringen, eilig sich neben ihn rangiren würde: Excellenz befehlen dies – geruhen das –! Jetzt im Schlaf sah er dumm aus wie ein Hammel. Er träumte nicht einmal. Er dachte an gar nichts.

Er schritt über mehrere Schläfer. Die Wachen präsentirten. Es waren Soldaten von seinem Leibregiment, seinem eignen Heimathsregiment. Dieses Regiment hatte eine lange, glorreiche Geschichte. Er dachte daran, dass sie heut’ sehr schwere Verluste gehabt hatten. Es that ihm weh. Er verabscheute den Gedanken. Alle hatten verloren. Tausende waren geblieben, Freund und Feind.