Sie sprachen: „Hat er denn nicht recht gethan mit dem, was er forderte, da er von den Königen und Mächtigen forderte?“

Er sprach: „Die Könige und Mächtigen sind nicht die, die geben können. Von innen muss es kommen, was die Welt neu gebiert. Wenn die [pg 340]Bettler die Letzten sind, werden die Könige die Ersten sein. – Es ist aber auch möglich, dass es von einem König käme.“ ...

Sie wollten, dass er dies noch näher erklärte. Aber er sagte nichts und ging weit fort in eine einsame Gegend.


[pg 341]

Das achtzehnte Kapitel.

Ueber dem Schlachtfeld war die Sonne untergegangen, eine rothe, müde Sonne des Spätherbstes, die zerfliesst in einem Blutmeer. Man sah nur noch Streifen von ihr wie lange Wundenstriche, rothe, zerflatternde im Grauen. Sie wurden dunkler. Die Finsterniss schien in sie einzudringen, vage Grüne, Violette. Alles starb in einem brandigen Nebel.

Zweimal über den Acker waren die Heere dahingestampft. Erst die Flüchtenden, Fussvolk und Reiterei durcheinander in wilder Panik. Oft gingen die Letzten über die Ersten. Dazwischen schob man Geschütze, Munitionswaggons. Wo die Pferde nicht genügten, halfen Männer mit. Andre hatte man im Stich lassen müssen. Sie lagen in unnatürlichen Positionen, mit aufgereckten Hälsen, [pg 342]zerbrochnen Rädern, unschädlich gemachte Eisenungethüme, Sättel, Flinten, Uniformstücke, Leichen. Zuerst hatten die Pferde versucht, sie nicht zu treten. Aber man spornte sie an. Es galt das Leben. Die zu schwach oder verwundet waren, blieben zurück. Eine Zeitlang hatten sie sich fortgeschleppt. Oder Andre zogen sie mit. Dann hatte man sie verlassen. Sie schrieen. Manche versuchten noch zu kriechen, sich weiter fortzubewegen, anzukrampfen. Sie gaben es bald auf. Die gingen hin. Dann war nur noch ein einziges, zielloses Trappeln von Zweibeinen, Vierbeinigen, Rädern, die liefen, liefen ...

Man ertheilte noch Commandos. Berittne Offiziere sprengten ab und zu. In einigen Abtheilungen herrschte eine gewisse Ordnung. Sie hielten sich von den andern getrennt und marschirten rhythmisch. – Man sah sehr hohe Offiziere mit den Abzeichen ihres Ranges, einen alten General auf seinem weissen Pferde. Sein Gesicht war vollständig schwarz vom Pulver und Staub. Er opferte sich auf. Er war überall. Man hörte seine Stimme wie die eines Hirten. Einige junge Rekruten acclamirten ihn. Man wusste, dass dieser ein Held war. Er konnte nichts mehr [pg 343]ändern, die Eile des Rückzugs nahm zu. Sie fühlten den Athem des verfolgenden Feindes im Nacken. Einige hatten Alles weggeworfen und liefen laut schreiend. Sie wussten nicht, wohin sie liefen. Nur eine Angst beherrschte sie, sich zu verlieren, zurückzubleiben, einzeln zu sein, getrennt von der Horde, die rannte, galoppirte. Sie hatten sich wie Männer geschlagen, Tage und Wochen lang, an diesem Tage. Das war Alles, was blieb, ein Gruselgefühl, die Empfindung der Ohnmacht des Einzelnen in dem des Ganzen, des Geschlagnen, Besiegten.

Sie liefen, liefen für ihr Leben.