Diese Drehung wurde schneller, schwindelnd schnell. Schnell, wie von Rädern, Maschinen, Stählernem. Man unterschied die Töne der Schellen und Castagnetten nicht mehr. Es war ein Wirbel, ein zügelloser Tanz, Sichineinanderverschlingen der Töne. Die Arme waren die Flügel einer Windmühle, die sich schwangen im Drehen. Roth und goldne Streifen. Sie peitschten, flogen. Die Felder wurden Kreise. Vom Boden, Kreisel gleich, immer an derselben Stelle, wirbelten die Fussspitzen. Sie war ein Kreisel im Ganzen, mit der weiten Fläche nach oben, ein Rad, eine Blume, eine Libelle aufgespiesst an einer Nadel, eine rothgoldne Rose, über der das Gesicht schwebte, unbeweglich, zurückgebogen mit lächelnden Lippen unter dem goldnen Helme.
Sie drehte sich, drehte. Sie war die Sonne. Rothgoldne Sonne. Die Lazzi waren Strahlen. Strahlen waren ihre Arme und Beine. Die Brüste waren die Scheibe, die stille stand, mit metallnen, weissglühenden Spitzen. Sie stachen wie brennende Eisennadeln. Ein Athem von Blut und Hitze schlug über ihn hin. Immer wieder Hitze und Blut, roth und gold, nur noch eine Farbe bildend, die der Wollust, der Frau, der Bewegung. – [pg 338]Der Lustwille des Feuers, der die Erde dreht, in den Adern kocht wie Gluthsud.
Das war keine Frau mehr, die Frau nicht. Das war die Schlange, spiegelnd in allen Farben des Universums, die glorreiche, erste Schlange, sie, die herrlicher war denn alle Thiere. Sie richtete sich zischend auf mit ihrem ganz weissen Leibe, der goldnen Krone und der blutrothen, dürstenden Zunge: Und wirst wie Gott sein ... Wie Gott. Wie Gott. ...
Er hielt sich nicht mehr: „Sei mein!“ schrie er auf. „Sei mein!“
Diesen Abend unterzeichnete der König das Todesurtheil des grossen Demagogen. Er wurde im Gefängniss hingerichtet in der Frühe, ehe die Sonne aufging, ohne dass Unruhen darum entstanden in der Stadt.
Diesem in seiner letzten Nacht, da er auf den Tod müde war und das Sterben nahe fühlte, wurde eine wunderbare Tröstung zu Theil.
Er sah plötzlich an sein Lager treten eine Frau, eine vornehme Dame, in der Tracht einer Reiterin. Sie reichte ihm einen Krug mit Wasser von ihrer Schulter und sprach: „Trinke, mein Bruder. Einmal habe ich Dich im Leibe gesehen [pg 339]und ich wusste, dass Du mein Bruder warst. Jetzt weiss ich es besser und Niemand soll uns mehr trennen.“
Er erkannte, dass es dieselbe Dame war, die ihn damals angesehen hatte im Wagen, da er noch irre ging und mit Mordgedanken rang, auch diejenige, die zu dem Fremden gesprochen hatte am Brunnen. – Es befand sich aber, dass diese edle Frau und Gräfin gestorben war in derselbigen Nacht, also eine mysteriöse Geschwisterschaft gewesen zwischen ihnen, die Vielen unbegreiflich dünkte zwischen einem niedrigen Mann, der damals so niedrig gewesen, und einer hochgebornen Dame.
Mit dieser Neuigkeit von seinem Tode kamen Etliche und sagten sie dem Fremden.
Er sprach: „Er war ein Starker, stark vor allen Menschen, den selbst die Könige hörten. Er ist nun dahin und nichts bleibt von ihm übrig.“