Ganz von Gold erschien diese Jungfrau, leuchtender wie die leuchtende Sonne. Das Gold schmiegte sich um ihre Schenkel in schmalen gehämmerten Ringen von seltner Feinheit. Es umschloss ihre Arme wie in einem Handschuh. Die [pg 332]Spitzen der Finger waren von dunklerem Golde wie in Goldstaub gepudert. Es schuppte sich über ihrem Leib in gleissender Schuppenbräune. Aber ihre Brüste waren aus reinem, geschmiedetem Gold, aufrechtstehend mit geschliffnen Spitzen wie Schwerter. Sie trug einen goldnen Helm auf dem Haupte. Der war geformt mit überragender Spitze wie ein Helm der Pallas, aufrechtgestellter Fittich eines Adlers. Er stieg sehr tief in die Stirn. Die Stirn war gebunden mit einer purpurnen Binde. Purpurstreifen fielen nieder von ihrer Schulter und hingen nieder zu ihren Beinen wie Lazzis, Striemen geschnittnen Leders, die benäht waren mit Edelsteinen in Streifen und Kreisen. Bei jeder Bewegung funkelten und blitzten die Steine, dass man nicht hinsehen konnte, die Augen geblendet bluteten vom sprühenden Glanz der Steine. Sie trug in ihrer Hand zwei stählerne Schwerter. Schellen waren an ihren Gelenken befestigt, die klirrten und klangen. Der Arm reckte sich frei aus den Purpurstreifen der Schulter. Wenn sie ihn bewegte, klatschten und fielen die purpurnen Streifen wie Peitschenbänder. Die Schwerter kreuzten sich in der Luft über ihrem Haupte und beschrieben Kreise, und fielen herunter.
Die Haare dieser Jungfrau waren schwarz mit stählernem Glanz wie des Rabenfittichs, roth vom aufsteigenden Gleisch der Flammen. Ihre Augen waren grün wie Smaragden im Ring schwarzer Diamanten, die purpurne Lichter schossen, dass ihr Glanz unerträglich war für den, der hineinsehen wollte, der Blick gebannt sass in ihnen, hängen blieb wie die Motte in der Flamme. Aber ihr Mund war Blut. Die Röthe ihrer Lippen war röther denn die vom Blute, als ob sie Blut getrunken hätten, unersättlich gierig, frisches Blut jeden Tages. Ihre Zähne waren Raubthierzähne, spitz mit geschliffnen Spitzen. Zähne, die bissen in Fleisch, das blutete. Dieses Blut tranken ihre tödtlichen Lippen.
Und er wusste, dass diese Jungfrau „die Macht“ hiess, Helena von Troja, Judith und Herodias, Cleopatra, die Aegypterin. Sie war von königlichem Geschlecht, eine einzige Jungfrau in der Welt und gab mehr Wollust denn Jede. Und es hatte sie nie ein Mann besessen. Alle, die sie freiten, waren gestorben. Sie hatte ihr Blut getrunken. Und es war ihr Blut und ihre Kraft, die sie so schön machte, unwiderstehlich und herrlich vor den Sinnen der Männer.
Und sie tanzte vor ihm.
Sie tanzte. Sehr langsam wandte sie sich und ihre Schulter kehrte an ihren Platz zurück. Sie hob den Arm. Und der andre Arm stieg rund auf, die Brust aus den Hüften reckte sich in langsamer, schwellender Anstrengung. Einen Moment blieb sie weit vorgeschoben, keuchend, wie eine gezüngelte, gefährliche Schlange, während die Beine angenagelt warteten, zitternd, gezwungen. Im Kopf, zurückgebogen, schlugen die Lider. Der Hals strebte weiss, liliensehnsüchtig unter dem blutigen, dürstenden Bogen der Lippen ... Eine Woge schien die harte Linie der Schultern zu verwirren. Das Kinn sank zur Seite mit einem Seufzer.
Kriegerische, wilde Musik schien sie zu wecken. Sie richtete sich auf ganz erzitternd. Man sah das Erzittern vom Fuss bis zur Helmspitze laufen, wie eines Uhrwerks, dessen Feder man berührt hat, das sich in Gang setzt. Die Hüften krümmten sich abgezeichnet zum Sprunge. Ganz vorgeneigt, das Kinn in der Luft, beide Hände flach ausgespreizt, dass die ganze Last des Körpers auf der Zehe ruhte, horchte sie. – Sie bückte sich noch tiefer. Die Spitzen der Brüste schienen den Schooss [pg 335]zu berühren. Sie kroch. Sie schnellte sich. Sie stiess einen rauhen Schrei aus. Die Finger griffen krallend in die Leere. Hart über dem Boden wie im Anzug einer Armbrust, bohrte der Ellbogen, ein Tremolo, das nicht nachliess, rascher und rascher wurde. – Sie war wach geworden.
Ihre Zunge gegen ihren Gaumen gab einen Lockton. Sie warf sich nach rechts. Sie schnellte ihre Schultern nach links hinüber. Der Hals im scharfen, zuckenden Rücken gab das Tempo an. Ein Fuss stahl sich tastend vor. Der andre folgte in schürfender Schleife. Ihre Kniee tanzten. Sie gaukelte in den Hüften. Die Erde liess sie. Sie flog auf, ihr gellendes Tambourin schüttelnd.
Das war die Bewegung. Die Erde belebt durch den Willen, unsterbliche Kunst des Ausdrucks. Es giebt keine Schwere. Kein Gesetz der Unwandelbarkeit hemmt. Der Körper spricht. Die Formen singen, das Fleisch hat Seele. – Sie tanzte.
Sie marschirte in einem tönenden, triumphirenden Marsche. Ihre Sohlen stampften den Boden wie Schlachtrosse, schwere Kolonnen Gepanzerter. Der Leib zwischen den stelzenden Säulen der Beine schien getragen wie eine kostbare Last, ein Altar[pg 336]tisch köstlicher Güter, der avancirte, langsam, feierlich, mit der Feierlichkeit und Langsamkeit einer Procession. Ihre Arme blieben steif wie die Arme einer Statue, einer ehernen Jungfrau, die zermalmt, was sie an ihren Busen drückt. Sie näherte sich wie ein Traumbild, ein schrecklicher Alpdruck der Fiebernacht, die schwarze Venus der Aegypter, der Leben gegeben ist. ... Wie man Elephanten zur Schlacht ruft, in kurzen Stössen, antworteten die Schellen und Schwerter.
Sie tanzte. Sie stiess kurze, wilde Schreie aus wie Möwengekreische über dem Sturmmeer. Ihre Arme schlugen die Luft aufgescheucht. Ihre Füsse suchten mit gekrümmten Spitzen im sich steigernden Zittern, der Furcht, des Wunsches, der Raserei. Sie drehte sich. Ihre Haare peitschten den Boden wie ein aufgespanntes, schwarzes Pfauenrad. Die unteren Glieder schienen sich zu verschieben mit den Gelenken der oberen im verzweifelten Wunsche der Vermählung. Losgelöst zwischen den Hüften, eine Blüthe im Sturmwind, schwankte und bog sich die Taille. Sie zerbrach sich, knickte. Mit irrem Klopfen huschten die Finger in der Leere. Kleine Wehmuthsrufe schrillten die Schellen, Klagegezwitscher flatternder, fremder Vögelchen.