Es war aber schon die siebente Nacht. Danach als die Sonne aufging, that er einen lauten Schrei: „Die Sonne! Die Sonne!“ ... fiel hin und war todt.

Dies verbreitete grossen Schrecken über Alle, die es mit angesehen hatten. Der Fürst blieb sehr bedrückt in seinem Gemüth, wurde nicht froh, griff Dieses auf und Jenes, liess es wieder fallen in der wandernden Unruhe seiner Gedanken.

Es war aber sehr schwül im Gemach, unleidlich, vom sengenden Brand der Sommersonne. Seit Wochen prallte die Sonne. Man konnte keine Frische finden, weder auf der Terrasse, noch in [pg 327]den Gärten. Die ganze Luft schien mit Feuer gesättigt und verschlang sich schwer wie stagnirendes Wasser, das Uebelkeit hervorruft, eine Umwendung im Magen. Jeden Abend sah man am Horizont Feuerspiele, vom Licht, das niemals ganz unterging, weil es in den Ausströmungen der Erde selbst war, der lagernden Hitze, die nie ein Regen erfrischte.

Man sprach von einem Brand der Welt. Hass und Aufruhr schlugen sehr hohe Wogen. Die sengende Hitze blies in’s Hirn der Menge wahnwitzige Gedanken von Tod und Orgie. Sie sprachen: „Lasst uns sterben und saufen.“

Auf seinem purpurnen Lager ruhte der König. Aber er wälzte sich rastlos, die Kissen aufwerfend und niederdrückend. Seine Finger stachen in weichen Atlas. Seine Augenhöhlen schienen verbrannt von der Hitze, der Schlaflosigkeit langer Nächte, die seine Lider mit Braun gemalt hätte, dass die Pupillen wie Kohlenfunken glühten in einem Haufen von Asche. Von den aufgesprungnen, gedörrten Lippen hauchte Glutathem. Das innere Zittern schlug und schüttelte ihn wie eine ferne, aufreizende Musik. Er hatte Fieber und der kühlende Trank des Arztes gab keine Labe.

Durch die weiten Hallen des Palastes trieb das ruhelose Fieber den jungen Fürsten.

Alle Wände waren mit wundervollen Fresken und Gobelins verziert, Grossthaten seines Hauses, Schlachten, Krönungen, Staatsakte. Auf feurigen, sich bäumenden Schlachtrossen stiegen junge Helden, lockenumwallte, im flatternden Helmbusch. Das ausgestreckte Schwert deutete nach vorne. Der Brustpanzer gleisste. Unter den Hufen wand sich formlos, ein Gequältes, Bezwungnes, der Drache, der Lindwurm der Unordnung, der Feind. Andre waren ernsthafter. Sie standen gerade, hierarchisch, die Mäntel flossen in weiten priesterlichen Falten. Eine Hand hielt den Apfel, das Sinnbild der Gewalt, die andre den Stab. Ueber der Stirn gleisste mystisch der Goldreif. Das waren die Sagenhaften, die grossen Gründer, die Könige, Hirten, Väter der Geschlechter. Sie hüteten und herrschten. – Es gab ganz geharnischte unter ihnen, schwarz in schwarzen Rüstungen, wo das Gesicht klein, vogelartig schien unter dem Eisen der Sturmhaube. Ihre Nasen bogen sich wie Raubthierschnäbel. In der schweifenden Linie des Bartes wohnte die Grausamkeit. Sie hielten das Schwert in eiserner Faust. Der Fuss im Stahlschuh trat auf graslose Wüste. [pg 329]Einige beteten. Ganz junge Knaben waren, denen die schweren Gewänder zu schwer erschienen, zu weit der gezackte Goldreif über zarten, bläulich geäderten Stirnen. Sie verblühten in kaum erschlossner Knospe. Melancholische schauten mit Schatten des Wahnsinns in erschrocknen Augen. Heuchlerische mit tückischem Fuchsunterbau des Gesichts. Das Scapulier hing an ihrer Hüfte. – Die Carreaus der Gemälde zeigten kleine Pläne der Städte, Festungsbauten in Miniatur. Fröhliche Könige trugen zierliche, gestickte Hoftracht. Der Falke auf der Faust zeigte den Jäger, das lächelnde Auge den Freund der Damen. Und Kolosse folgten: Wandelnde Fleischmassen, doppelte und dreifache Kinne, bartlose, saftige Lippen der Wollüstlinge, kleine, feuchte, in Fett vergrabne Augen, das Ganze mit Gold, Purpurstickerei überladen, unter enormen Perrücken, die sie grotesk und übermenschlich machten. – Alles das wurde blasser. Ein Gedanke war hineingekommen, eine gewisse Traurigkeit, Schrecken bei Einigen, Resignation der Andern, unter der gegebenen Maske, derselben Decoration von Gold, Kronen, Löwen, Hermelinfalten, – der Mensch, etwas Einzelnes, Abgelöstes, Persönliches. Der war gestorben in der [pg 330]Verachtung der Menschen, nachdem er sie gegeisselt und gegängelt hatte. Dieser hatte die Verbannung gekannt, das Unglück, den Verrath, die Demüthigung. Jener Junggestorbne wollte und konnte nicht. Sein Nachfolger hatte gewogen und klug gerechnet. Unter der gesuchten Bonhomie, dem fast gemüthlichen Lächeln, lauerte der Tigerzug. – Sie hatten gewusst und durften nicht sagen. Einige hatten sagen gewollt. Aber sie waren todt. Sie waren traurig und unglücklich. – Ueber die ging man schnell hinweg, wie über Kranke, deren Krankheit gefährlich ist und anstecken könnte.

Er war der Letzte. Er war ein Ende ihrer Rasse. Sie betrachteten ihn Alle: Die herrischen Augen, die ruhigen, satten, die anklagenden, flackernden ... Zehn Jahrhunderte! Er war da. Alle diese Jahrhunderte waren in seinem Blut, ein Stück von ihm. Es war sein Leben, was er schon vorher gelebt hatte. Es erschien ihm furchtbar auf einmal – ein so langes Leben! – eine Kette, eine erstickende Last, drückende Schwere ...

Eine goldne Sonne war im Plafond des Saals gemalt. Sie schickte ihre Strahlen nach allen Seiten. [pg 331]Kreisrund war diese Sonne, ohne Schatten, und ihre Strahlen standen gerade wie geschliffne Schwerter. Goldne Leisten liefen am Gesims entlang. In unnatürlicher, üppiger Fülle drängten sich Beeren, Früchte, Blumen, die Ecken hielten Adler, Greifen und Wappenschilder mit anspringenden Löwen. An den Fenstern fielen senkrechte Purpurdraperieen. Sie fielen in runden, tiefen Falten einer Tuba. Dunkler, lichtlos erschien der Sammet in den Wölbungen, tiefroth glühend in den Schatten zwischen den Falten. Wie Priestermäntel fielen sie, rothe Güsse von Blut, gleichmässig ausgegossen in immerwährendem strömenden Fliessen. Alles Gold, zurückgeworfen im Glanz von hundert Spiegeln, ertränkte sich im Purpur, ohne ihn zu erwärmen, der alles Licht verschlang, dunkler wurde, satt, brutal, sich triumphirend breitete, ein Vampyr, der Oger der Farben.

Und er sah eine Jungfrau, wunderbarer denn sterbliche Weiber, und über die Grösse der Frauen.