Dies that er. Niemand konnte ihn hindern. [pg 324]Denn es war etwas Besondres in seinem Wesen, weit weg, als ob er erhaben wäre über alles Lob oder Anschuldigung der Welt. Und that, was er wollte. Denn es war Niemand, der ihm zuwider sein konnte, oder erklären mochte, warum er so that.

Etliche forderten, dass er vor Gericht gestellt würde um des Todes willen der Jungfrau. Ihre Eltern waren reiche Leute, wohlangesehen bei Hofe. Andre sagten, er sei nicht richtig in seinem Gemüth, das viele Lernen habe ihn verwirrt. Diese hatten wohl recht.

Da nun aber auch Etliche der Jungfrau nachsagten, dass sie mit Recht zu Schaden gekommen sei, weil sie zu einem Manne gegangen um die einsame Stunde, wurden sie bestraft. Denn wie man den Staub auf ihr Grab warf, darin sie begraben war mit der Katze, blühten daraus Lilien auf. Also dass das ganze Grab ein Liliengarten war. Die Lilien wuchsen ohne Unterschied über der Jungfrau und über der Katze. Und war grosses Wunder vor allem Volk.

Er schwieg zu Allem. Da er vom Kirchhof zurückkam, legte er sein Kleid nicht ab und zog seine Schuhe nicht aus. Aber er setzte sich an’s Fenster und sah in die Nacht.

So sass er viele Tage. Alle, die ihn mit Thränen beschworen, seine Eltern, die klagten, die Freunde, die ihn lieb hatten, die Richter, die ihn ausfragten, das Volk, das gegen ihn lärmte, sah er gar nicht. Er nahm nicht Speise und Trank, sah in die Nacht gen Osten gerichtet und wartete auf den Morgen.

Zu diesem, da er noch in diesem Zustand war, kam der Fürst, weil er sein Freund gewesen und der Vertraute seiner Jugend, der ihm guten Rath gegeben in allen Dingen. Sein Wort stand fest wie ein Fels. Und es war eine Regel der Gerechtigkeit, gerecht zu sein wie Johannes.

Der Fürst, da er ihn so bleich sah mit grossen, unirdischen, blauen Augen, erschrak er wie alle die Andern, sprach zu ihm: „Warum sitzt Du und schaust in die Nacht? Denn es ist Nacht draussen.“

Er sprach: „Es ist wohl Nacht jetzt. Aber der Morgen kommt. Ich warte auf die Sonne.“

Und wandte seine Augen wieder gen Osten, sass und wartete.

Dann veränderte sich sein Benehmen. Er wurde eilfertig, thätig, voller Freude, scheerte sich und legte ordentliche Kleidung an. Seinen Dienern [pg 326]gab er gute Vermahnung, dankte ihnen für Alles, was sie ihm gethan hatten. Als seine alten Eltern kamen, tröstete er sie mit freundlichen und sonderlichen Worten: „Seid froh, liebe Eltern, denn es ist bald Zeit für uns Alle, vereint zu sein. Ich habe Eure weissen Haare lieb, Eure Thränen sind mir Lindigkeit,“ küsste ihre Hände. Einen jungen Bruder der Jungfrau, fast ein Knabe noch, den er oft geliebkost, befahl er ihnen als Sohn, segnete diesen und liess ihn nicht von seiner Seite.