Vielleicht litten sie gar nicht. Es war nur das Räderwerk der Maschine, das auslief. – Eine Fratze grinste ihn an, schauerlich, idiot, mit heraushängender Zunge und glotzenden Augen. Der auch war für’s Vaterland gestorben. Welches [pg 352]zusammengewürfelte Material, diese Haufen der Todten! – Ernsthafte Familienväter mit Vollbärten. Sie hatten zur Waffe gegriffen, weil man sie angriff. Ihre Beschäftigung war, den Acker zu bauen, Städte aufzurichten. Ruinirte junge Lebeleute. Verbrechervolk, Jugend aus allerlei Ländern, die mit lachendem Mund in Abenteuer rennt. Jetzt war Alles dasselbe. Alles hatte aufgehört, die Sorge, der Leichtsinn, die Liebschaft. Was ist das Leben? Was ist alle Mühe, die man aufgewendet hat, es zu schützen? Diese ewige Erneuerung, zu der alle lebenden Wesen sich gezogen fühlen?
Er rief sich die grossen Momente seiner Existenz zurück. Die Befreiung, der schreckliche Zug durch Schneegebirge, die athemlose Erregung, als ein Volk mit Thränen und Gebeten ihm folgte wie die verwittwete Mutter ihrem Erstgebornen ... Wie sie ihm entgegenstürzten, vom Hunger ausgemergelt ... Männer weinten wie kleine Kinder. Sie küssten ihm die Hände. Er war Gott, der Retter! Sein Einzug – das ganze Land schwoll ihm entgegen wie eine zitternde, erwartungsvolle Geliebte. Er sah es zu seinen Füssen. Sie küssten ihm die Füsse, die Steigbügel. Alle Ehren und allen Ruhm hatte er gekostet. Er war alt geworden und traurig.
Er blieb plötzlich stehen. Das Röcheln war ganz deutlich geworden. Es klang wie das Weinen einer Kinderstimme. Dann in einer andern Sprache, doch sehr vernehmlich, hörte er: „Mama ... Mama ...“
Der General zitterte. Es war ein ganz junger Bauernknabe von den Feinden, erbärmlich jung, viel zu jung. Ein spitzes, blasses Gesicht, zwei Augen, überirdisch. Der Schuss musste im Unterleib sitzen. Er litt. Er streckte die Arme aus. Er rief nach seiner Mutter.
Da – da war die ganze Tragödie des Krieges, die ewige Feindschaft, die Mutter, die immer wieder gebiert, nährt, hofft. Und man nimmt ihr immer wieder, tödtet, vernichtet.
„Mama ... Mama ...“ schluchzte der kleine Bauernjunge.
Er war vielleicht ein Held. Er wusste es nicht mehr. Vielleicht wäre er ein Mann geworden, hätte getödtet, geherrscht, vernichtet seinerseits. Er fror. Er hatte Schmerzen. Er fürchtete sich.
„Mama ...“ rief er. „Mama ...“
Und er dachte an eine andre Mutter, diese eine tragische Mutter, schwarz in schwarzen Schleiern. Die eigne jähe Wunde fing an zu bluten. Sie [pg 354]hatte nicht geweint. Sie hatte ihn nicht gebeten zu bleiben. „Gott segne Dich!“ sagte sie und hatte ihn geküsst.
Und über ihr wieder stand eine noch grössere, tragischere Mutter. Eine Königin – sein Land, sein ganzes Land in Trauer. Es schickte seine Söhne, ohne zu klagen, bleich und erhaben. Er gab und die Andre gab ... Opfergabe, hinter der die Mütter standen, die vielfach Gestorbnen, die zehnmal Gekreuzigten – Sie, die wahren Leidenden, die wahre Grösse, Lebensträgerinnen ...