Und ein andres erstaunliches Phänomen machte ihn betroffen. An einem Dornstrauch, der Blut trug, weil ihn die Flüchtenden gestreift, halb zerstampft, niedergetreten, ein elender Stummel nur, ein einziges noch lebendiges Hölzchen, – blühte eine weisse Blume. Sie musste sich erst eben erschlossen haben. Sie duftete – sie blühte ...

Er sah die Mutter der Mütter. Er sah die Natur treibend und unverletzt, trotz Brand, Tod und Blutregen, den Acker, der seine Frucht trägt, den Baum, in dem die Säfte steigen, das Thier, das seine Jungen säugt ...

Wüstes Gelärme unterbrach ihn. Da hinten im Bivouak feierte man den Sieg. Sie zechten [pg 355]und brachten Toaste aus; die triumphirten. – Jetzt musste die Kunde auch in der Heimat sein. Man liess die Glocken läuten und steckte die Fahnen heraus. Leute auf der Strasse umarmten sich mit der Siegesbotschaft. Ein wirres Freudengelärm schien sein Ohr zu erreichen, ein Beifall, der von weit kam, seinen Namen rief über die Meere. Das war der Sieg.

Und Andres stieg auf, undeutlicher: Flüche, Thränen, Racheschwüre ... Sie auch wussten jetzt. Sie beteten.

Derselbe Gott war über ihnen Beiden, unerbittlich, gleichgültig. Er sprach nicht und hörte nicht. Der Gott der Weltgeschichte, der Eherne der Nationen, dem Babylon und Rom gesunken war. Alexander und Napoleon waren gross geworden und fielen. Vae victis! und Ave Caesar! – Es war Alles dasselbe ...

Die Landschaft war flacher hier. Eine Kühle wurde deutlich fühlbar. Er schritt eiliger vorwärts. Eine Bewegung des Bodens schien ihn mit fortzuziehen, ein mächtiges Einathmen und Ausstossen wieder. Alles ging und kam. Aber das Gehen schien noch kräftiger wie das Kommen. Im Werden [pg 356]verging Alles. Ein Tödtliches, Beständiges, Festes war in der Bewegung. Alles starb.

Er war am Strand. Der Sand machte diesen Erdstreifen heller. Dahinter lag es grau, unruhig, sich anwälzend und weichend. Salzathem stieg. Das Meer fluthete und ebbte, endlos, schwarz unter dem schwarzen Himmel ohne Sterne.

Und er sah etwas Andres. – Ein Schatten? Ein Seufzer? ... Es war schon vorüber. Die Hallucination des Elends, ein Geist des blutigen Schlachtfelds, das da hinten dünstend lag: ein blasser Mann trug ein Kreuz. Das Kreuz war riesengross, aus rohem Holz geschnitten. Der eine Arm des Querbalkens ragte gegen den Himmel. Das Ende schleppte lang nach auf den schwarzen Wellen. „Und er wandelte auf dem Meer.“ ...

In diesem Augenblick, ganz deutlich wie in Metall geritzt, krähte ein Hahn.

Es war Nacht.