Dieser Umstand der Recognoscirung durch die eigne Mutter beruhigte die Richter ganz und gar. Sie dachten nun wohl, dass er ein Narr und [pg 369]Kranker sei. Uebrigens bildete nicht die Familie die Grundlage und Urform jedes gesunden Staatsorganismus? Das heiligste Gut der Nation? Einer, der nicht mal die Familie anerkannte, leugnete das Bestehende durch diese Thatsache schon. – Der Gelbe war für mindestens zwei Jahre und kurzen Process. Aber die Herren amüsirten sich zu gut bei dem Fall. Es machte ihnen Spass, ihn auszuhorchen über seine Ansichten. Was er von ihrer Justiz denke? Ob er mehr für deutsches Recht sei oder für römisches? Auch fanden sie verzwickte Streitfälle, die er entscheiden sollte. Und ob er die Todesstrafe billigte oder missbilligte?

Es war ein förmlicher Sport unter ihnen geworden. Der dicke Amtsgerichtsrath war der Lustigste. Er nannte ihn scherzhaft seinen Christus und sich Pontius Pilatus. – Der Assessor dachte an Berlin und die Blumensäle. Er war weit weg. Der grosse Gelehrte fand, dass dergleichen die Köpfe verwirrte. Er war sehr gegen Verwirrung der Köpfe. Er hatte alle Materien in Schubfächer und Unterschubfächer eingetheilt, und man wusste, dass sein Urtheil unbestechlich war. Ueberdies fand er die Majestätsbeleidigung. Die Majestätsbeleidigung lag sonnenklar.

Besonders konnte ihn eine Behauptung des Jovialen irritiren, dass der Fremde eigentlich ein „genialer Kerl“ sei, ein religiöses Genie.

„Genies – Genies – die hätte man auch Alle einstecken sollen.“

„Auch Goethe?“

„Was ist Goethe? Ein Kerl, der keinen Patriotismus hatte, einen unmoralischen Lebenswandel führte.“

„Er ist aber doch Excellenz geworden.“

„Es kommt ja vor. Im Grunde ist das Alles höherer Anarchismus, selbstverfertigte Autoritäten, Parvenügewalten. Sehen Sie selbst Bismarck ...“ Der eminente Jurist war ultramontan.

„Aber Pommeränicke!“ Der dicke Polizeidiener bildete das besondere Steckenpferd seines humoristisch veranlagten Vorgesetzten. In seinen Mussestunden schlachtete er Schweine, lieh Geld auf Wucherzinsen und füllte in seiner kleinen Methodistengemeinde ein kirchliches Amt aus.

„Pommeränicke ist nothwendig, existenzberechtigt. Pommeränicke ist!“