Nun gerieth die Alte ganz ausser sich: „Nicht mein Sohn? Was? Habe ich Dich nicht in Schmerzen geboren? So spät kamst Du, dass die Wehmutter es aufgab. Wir dachten, ich würde nicht lebendig bleiben. Dann war es ein grosses, starkes Kind, zehn Pfund schwer, dass alle Nachbarinnen über das Wunder schrieen. Hinterher kam das mit dem schwachen Kopf, wo gar nichts anzufangen war. Nicht mal zum Viehhüten taugte das. ‚Geben Sie’s nur auf, Schäpplerin,‘ sagte der Herr Pfarrer. ‚Den hat sich der Herrgott gezeichnet.‘“

Sie fing plötzlich an zu weinen und wurde zärtlich. „Bin ich nicht doch gut zu Dir gewesen? Hab’ Dich trocken gelegt jede Nacht, wenn Du schrieest? Und wie Du krank warst, hab’ ich Dir Hirsenbrei gekocht. Du assest so gern Hirsenbrei und getrocknete Pflaumen. Dafür liessest Du gerade Dein Leben. Mein Joseph! Mein Seppli! Mein eigner Herzbub! Und willst nun Deine eigne alte Mutter nicht kennen?“

Er sprach: „So nun sind die Weiber. Weil sie Dir Brot gegeben und den Leib gewaschen, bilden sie sich ein, dass sie Dir eine Seele geschaffen, einen unsterblichen Menschen aus Dir gemacht haben. O kleine Kinder im grauen Haar! Thörinnen, die Ihr Mütter seid!“

Danach, wie er sah, dass Einige diese Rede hart fanden, Andre sie richtig nannten, die Alte aber schluchzte und lamentirte, sagte er:

„Dennoch ist die Mutter immer verehrungswürdig. Sie hat gelitten. Sie hat leibliche Schmerzen gelitten, wie das Kind zur Welt kam. Alle Noth und Last trägt sie mit ihm in seiner Schwachheit. Danach wird es zum Manne und lässt sie. So ist es wohl ihres und doch nicht ihrs. – Sie leidet im Fleische um einer unsterb[pg 368]lichen Seele willen. – Viele schelten dies Geschlecht schwach. Es ist aber nicht so, da sich in ihrem Leibe sichtlich das heilige Wunder der Erlösung zeigt.“

Und war gütig zu der alten Frau, tröstete sie und hinterliess sie mit Gaben, die seine Freunde für ihn sandten.

Vielen war das wieder ein Zeichen: „Er weiss sehr wohl, dass er ihr Sohn ist. Würde er sie ehren, wenn sie nicht seine Mutter ist?“

Er sprach: „Und wenn sie es wäre? Was ist eine Mutter? Hat sie mir meine Gedanken gegeben? Trägt sie Schmerzen für mich? Und fühlt sie mit meinem Fühlen? Der Antheil der Mutter ist vom Fleisch. Wir sind aber nicht Fleisch, sondern Geist.

... „Vor Augen siehet diese Art, was wahrscheinlich ist. – Das Wahre aber siehet sie nicht. Wenn sie es sähen, würde es ihre Augen verbrennen. – Aber die Blinden haben auch Augen.“

Danach schwieg er und sagte nichts mehr über diesen Fall, erklärte sich auch nicht deutlicher.