Der Assessor langweilte sich. Er fand, dass es für ihn überhaupt nicht der Mühe werth sei, sich mit einem abgerissnen Strolch länger zu beschäftigen. Man hatte genug zu thun, Beleidigungen socialistischer Redacteure aufzunehmen. Das machte einen guten Eindruck nach oben. Er sah sich gern als Präsidenten des Reichsgerichts in scharfer, schneidender Rede die Gesellschaft retten. Das war vornehm gewesen seit Jeffrey’s Zeiten. Aus diesem Grunde opinirte er auch gegen Dreyfus.
Den Vorsitzenden verfolgte die fixe Idee der [pg 365]Majestätsbeleidigung: „Ob man die Steuer zahlen sollte?“ wollte er wissen.
„Ist sie für das Allgemeine, so ist es billig, dass ein Jeder trage. Ist sie nicht, so mag der tragen, der sie braucht.“
Sie stellten ihm eine Menge Fragen, woher er käme, was sein Name und Stand sei? Auch über seine Geldverhältnisse wollten sie wissen? Wovon er sich ernährte?
Auf dieses Alles antwortete er nicht.
Nun fingen sie an, Erkundigungen anderweitig einzuziehen. Es gab Leute, die es beschworen, dass er ein Joseph Schäppli aus Bing in Württemberg sei, der schon in seiner Jugend geistesgestört gewesen, seinen Eltern davongelaufen und dann verschwunden war.
Man that noch ein Uebriges. Da die alte Mutter Schäppli noch lebte, beschloss man ihn mit dieser zu confrontiren, sie auf Gerichtskosten herkommen zu lassen.
Der Erfolg schien allen Zweiflern Recht zu geben. Es erschien vor Gericht eine uralte verhutzelte Bauersfrau, ganz benommen von der Wichtigkeit und Würde des Orts, diesen vielen Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie versuchte [pg 366]abwechselnd ihren mitgebrachten Korb mit Esswaaren zu sichern, aus den Mienen der Umstehenden zu errathen, was man mit ihr vorhatte. Natürlich hatte sie ihren besten Sonntagsstaat angelegt. Man hatte das Gefühl eines alten Nacht- oder Erdthiers, plötzlich an’s Licht gebracht, das in die Sonne blinzelt, sich verkriechen möchte.
Sie erkannte ihn sofort: „O mein Sohn Joseph!“ schrie sie. „Mein armer Sohn! Du böses Kind! Bist Du mir fortgelaufen und wo hast Du Dich umgetrieben so lange?“
Auf dies Alles antwortete er kühl, aber freundlich: „Du irrst, Frau! Ich bin Dein Sohn nicht.“