„Es könnte doch aber eine Zeit kommen, dass wir wüssten,“ argumentirte der Freund. „Und wäre es nicht denkbar, dass besonders begnadete Genies, sagen wir Shakespeare, Goethe, Christus, Vieles vorgeahnt haben? Auch Geheimnisse wieder verloren gingen? Waren doch schon die Phänomene des Hypnotismus, der Autosuggestion den Alten bekannt? Dass man mit ihnen die Wunder der biblischen Geschichte erklären könnte?“

„Ich weiss es nicht. Das erscheinen mir wieder Speculationen.“

Der Andre war begeistert, einmal lancirt: „Denken Sie sich auf diesem rein empirischen Wege die Vereinigung des Uebersinnlichen mit der Wissenschaft wiederhergestellt, im Fortschritt den Aufschritt! Die Natur, die wir arm und nüchtern auffassen, tausendmal reicher, üppiger, wollüstiger. Eine beseelte Natur. Die Seele, die wir suchen, nach der wir verhungern, unsre Künstler, unsre grossen Energieen, unsre Jugend – da hätten wir die Seele! Im Christentum die Darwinsche Theorie, Lombroso, Krafft-Ebing, kein Gut und kein Böse, Tolstoi nicht mehr pathologisch, – unser ewiges, elendes, billiges ‚pathologisch‘!“

Er gestikulirte heftig, den Sprüngen seiner Gedanken folgend. Er war ein schöner, feuriger Mensch, fuhr sich mit der Hand durch die dichten Haarbüschel.

Die junge Frau des Professors hatte aufmerksam zugehört. Sie sagte nichts, sie dachte. Ein sehr süsser, sehnsüchtiger Friede lag auf ihrem Gesicht.

„Sie sind ein Dichter,“ sagte der Professor. „Enfin ... Wie wir uns drehen und wenden: [pg 384]‚Ein Mensch, der speculirt‘ ... Carpe diem. Es giebt keine Weisheit als diese.“

„Zarathustra? Zarathustra! Auch blos ein pathologisches Problem jetzt – der Weisheit letzter Schluss, das Endglied der grossen Kette. – Dionysos! Die Entfesslung aller Kräfte. Flügel! Flügel! Flügel!“

„Wir müssen uns an die Erde, an das Normale halten.“

„Und das heutzutage Uebernormale, das Unternormale? Wo bringen wir das unter?“

Das offne Gesicht des Freundes glühte. Er stand da in einer Pose des Kampfes mit gereckten Fäusten.