Man konnte seine theuersten Angehörigen mit der grössten Seelenruhe dalassen. Was sollte man denn auch thun?

Ab und zu dann ein Begräbniss. Ernst, ohne Prunk. Es war vorüber. Er oder sie waren „erlöst“. Eine grosse Last war von den Schultern ihrer Familie genommen. Fast konnte man sie beneiden um den Frieden. Man musste zurück. In den Kampf. In’s Laute.

Sie waren nicht sehr interessant. Etwas zwischen [pg 391]Kindern und Thieren. Sogar ihre Leiden waren halb komisch, eingebildete Leiden. Man giebt ihnen Alles zu wie Kranken. Jedermann ist gut und wohlwollend gegen diese Unglücklichen.

Bei Vielen ist die Krankheitsanlage erblich. Sie sind idiot, ganz harmlos. Man muss sie einschliessen, wenn sie gemeingefährlich werden. Jedermann kennt solche Erscheinungen in Dörfern, abgelegenen Gebirgshöfen. Man nannte sie „Gottes Narr“, Fexe, Gezeichnete. Heilbar sind solche secundären Formen der Geisteskrankheiten selten. Dann giebt es Wahnsinn, Schwermuth. Diese Leute können ganz lichte Zeiten haben. Sie kehren wohl von Zeit zu Zeit wieder in ihre Familien, ihre Umgebung zurück. Aber irgendwie tragen sie eine Kette am Fuss. Eine Schraube bleibt locker.

Immer wieder wollten die Damen wissen, ob die Kranken „es fühlen“, sich ihrer mentalen Abirrung bewusst sind, unter dem Stigma leiden? Man las darüber so Schauerliches in Romanen. – Nur die Melancholischen leiden. Sie empfinden wirkliche neuralgische, acute Schmerzen. Ganz hoffnungslos sind die mit fixen Ideen Behafteten, oder solche, die religiöse Wahnvorstellungen haben. Sie hatten eine sehr feine, dreissigjährige Dame [pg 392]aus gutem Hause, die an erotischem Wahnsinn litt. Eine Dame, sonst sehr scheu und wohlerzogen!

Man rief berühmte Beispiele zurück: Torquato Tasso, Johanna von Castilien, Ludwig von Bayern. War Hamlet wahnsinnig gewesen, oder König Lear?

Aber ein Thema interessirte sie Alle. Sie hatten ein wirklich interessantes Sujet, einen Clou. Das kitzelte nicht nur die Damen.

Die erste Intelligenz der Zeit, die brillanteste, genialste. Der Mann, dessen Adlerflug die Welt erst schweigend, dann mit wüthenden Verwünschungen in glühender Bewunderung verfolgt hatte.

Jetzt, wo er wahnsinnig war, konnte man ihn ja ungehindert bewundern. Niemand hatte mehr eine Concurrenz zu befürchten, seinen schneidenden Hohn schlimmer als seine Verachtung. Aus dem Löwenfell des grossen Mannes hatte man sich kleine Fellchen geschnitten, die so gut standen. Was konnte man da interpretiren, insinuiren, Kapital schlagen. Aus diesem ungeheuren Brachfeld, das er mit den Schätzen einer ungehobnen Welt hinterlassen. Seine Fehler und Extravaganzen vermied man natürlich. Er war ja eben bekanntlich ... Ein Strich über die Stirne vollendete den Gedanken.

O ja! Für den interessirte man sich. Gedichte, Blumen wurden für ihn gesandt. Alle Augenblicke standen in den Zeitungen gefälschte Interviews. Es bildete den beständigen Aerger der Aerzte. Sie hatten es doch so klar gesagt: Eine organische Krankheit, colossale Ueberanstrengung, verschärft durch Schlafmittel, Narcotica. – Es wurde Zeit, dass endlich einmal mit dem alten Aberglauben aufgeräumt wurde.