Fromme Leute betrachteten diesen Irrsinn als eine gerechte Strafe des Himmels. In ihren Augen war er der Antichrist. Man sah Gottes Gericht recht deutlich! Der Titan, der Ihn anzugreifen gewagt, Felsblöcke gegen Ihn geschleudert und jetzt ohnmächtig und gebrochen im Stuhl sass in einer Irrenhauszelle: „Ich bin dumm. Ich bin dumm.“

Selbst die, die nicht so weit gingen, moralisirten über den Fall auf ihre Weise. „Bleib’ im Land und nähr’ Dich redlich.“ Hier sah man, wohin das Gegentheil führte: „die grosse Kunst macht Dich rasend.“ Wozu auch? Wenn man arbeitete, recht that, kam man immer noch zurecht auf dieser Welt. Der religiöse Aberglaube war zu missbilligen. Ebenso wie die rohe Ausschweifung. Das Leben fand schon immer [pg 394]die Mittellinie. Es ist gut auf der Mittellinie bleiben.

Es war ja freilich wahr, dass jeder Esel ebenso gut wahnsinnig werden konnte. Sie blieben doch überzeugt, dass Müller es zum Beispiel nie würde, und Buchholz ebenfalls nicht. Diese würden sich auch nie das Leben nehmen oder mit der Polizei in Conflicte gerathen.

Die Fachleute bemühten sich vergebens, das ganz Natürliche, rein Anatomische des Vorgangs auseinander zu setzen. Ein junger Arzt zeigte zur Exemplificirung sorgfältig präparirte Plättchen, auf denen man den Verlauf der Aederchen im Gehirn normal und anormal verfolgen konnte. Ordentlich niedlich anzusehen waren diese Präparate, etwa wie Blumenblättchen, fettig-weiss und rosig durchzeichnet. – Einige Damen grauten sich davor, – immer zurück in der Cultur, diese Frauenzimmer! Der junge Gelehrte liebte seine Plättchen. Er zitterte, ihren Schatz zu bereichern. Für ihn war auch dieser Kranke nur ein Object.

Ganz Intime waren zuweilen zugelassen worden. Sie erzählten, dass der grosse Philosoph im Rollstuhl auf der Terrasse gesessen. Er sah in die sinkende Sonne. Er schien ganz „friedlich“, der [pg 395]kranke Adler. Man nahm ein ganz angenehmes Gefühl mit fort der allgemeinen Rührung und der eignen speciellen Empfänglichkeit für schöne Emotionen.

Uebrigens hatte er’s gut. Erster Klasse sogar. Mancher hatte es nicht so.

Was dachte er in den langen vierundzwanzig Stunden des Tages seit sieben Jahren? Die Aerzte versicherten, Nichts. Er lächelte. Er wartete ... Es war doch furchtbar. Der Mann des jauchzenden Lachens, der sich selbst die Stirn mit Rosen bekränzt und das schwache Mitleid verachtete. – Nun, das war immer schon Wahnsinn gewesen.

Den Schluss der Besichtigung bildete immer die Kapelle. Nur ein steinernes Kreuz stand hinter dem Altar. Eine Lebensähnlichkeit, Blut und Nacktheit, hätte die Kranken gestört. Man musste vorsichtig sein. Eine Frau in schwarzen Schleiern weinte zu seinen Füssen. Sie bildete sich ein, die Pietà zu sein. Sieben Schwerter des Weltwehs gingen durch ihren Busen. Sie weinte immer – immer. Eine vornehme Frau aus reichen, guten Verhältnissen, Mutter und Gattin. – Man liess sie, weil sie ganz sanft und ungefährlich war.

Ein engelschönes, blödsinniges Kind, das [pg 396]zwischen den Bänken hantirte, nickte und lachte geheimnissvoll. Die Geschlechter schienen hier seltsam verwoben. Man wusste nicht, ob es ein Knabe oder ein Mädchen war. Die Aerzte erklärten ihn für einen Adolescent von sechzehn Jahren. Er lief überall frei umher. Die Kapelle war sein Lieblingsaufenthalt. Er bildete sich ein, ein Chorknabe zu sein, schwang sein Räucherfass, bückte sich und nickte und küsste dann mit Inbrunst die Altarstufen. Dieser Jüngling war immer glücklich, von einer Serenität der Cherubim. Jeder verwöhnte und liebte ihn.

Auch von dem neuen Patienten wurde gesprochen, diesem „Fremden“ der Zeitungen und Verhandlungen, der sich einbildete, Christus zu sein.