Die Parteiveteraninnen behaupteten, dass unter den Anwesenden Spitzel wären. Sie versuchten sie ausfindig zu machen, mit den Fingern zu zeigen. Einige Studenten waren augenscheinlich für einen Ulk hergekommen. Es waren Fremde da, die Keiner kannte, und eine junge Dame in eleganter Kleidung ganz allein, die man ansah, was sie da suche. Im Ganzen war es eine sehr guterzogene Menge, friedlich, ohne Aufregung, fast bourgeoismässig.
Der Saal war der banale grosse Festsaal der mittleren Restaurants, weiss mit Gold, rothsammetner [pg 50]Rampe. Da wurde auch Theater gespielt und getanzt. Es war nicht schlechter wie für die Bourgeois bei ähnlichen Gelegenheiten, man war höflich und kam in weissen Handschuhen.
Auch das Thema der Einberufung bot nichts Besondres. Es war die jährlich wiederkehrende Einbringung der Militairvorlage von Seiten der Regierung. Man wusste im Voraus, dass sie durchgehen würde. Der Protest geschah rein berufsmässig, aus Princip. Und man wusste, dass es für Jahre so gehen würde. Die Aufregungen, das Märtyrerthum, aber auch die Hoffnungen der ersten Jahre waren verschwunden. Die junge Partei hatte zu leben gelernt, fast konnte man sagen, Manieren gelernt. Man nahm, was man kriegen konnte. Man war stark, zahlreich, wohlorganisirt, das Odium war weggenommen, ebenso der Heldennimbus. Man hatte nicht mehr die Angst zu sterben, aber auch nicht die Aussicht zu siegen; man „entwickelte sich“.
Zurufe begrüssten den Eintritt des grossen Mannes, in Wahrheit eines ganz kleinen Männchens. Alles das ging rasch, wenig theatermässig. Nur das Antlitz des Johannes leuchtete auf. Er drängte sich an den Bewunderten, um seine Hand [pg 51]zu schütteln. Eine Leibgarde, die Veteraninnen, hatten ihn sofort eingezingelt, beinah protzenhaft, mit dieser Miene: „Wir gehören zum Haus“, die Unberufene einschüchtert. Nun wurden die Formalitäten rasch erledigt. Einige Witze fielen gegen die Polizei, die die Galerie gesperrt hielt. Man kannte sich zu gut, sehr alte Feinde, Gladiatoren, die sich jeden Tag treffen und beinah Freundschaft gemacht haben. Der Saal war voll zum Ersticken. Es waren Männer zumeist, Männer mittleren Alters. Die Jugend, wie überall, zog es vor, sich zu amüsiren. Oder man liebte Radauversammlungen in Rixdorf, Charlottenburg, den Vororten. Dies war eine wohlgeschulte, ausgediente Armee, ihr Capitain der sprach.
Der grosse Mann auch war alt geworden, sehr alt. Das Feuer, das seine Jugend gefährlich und unwiderstehlich gemacht, hatte sich gewöhnt, für den Hausbedarf zu brodeln. Er wusste sich zu beherrschen jetzt, dessen Leidenschaftlichkeit einst sein Ruhm und sein Fluch gewesen war. – Im gleichmässigen Tonfall flossen die Sätze, periodisch, deutlich hörbar in der geübten Stimme des Redners bis an’s äusserste Ende des Saals. So war er sachlich geworden, ein Typus, wie so [pg 52]mancher Andre, den die Gegner fast vermissen, sich mit Rührung seinen leeren Platz zeigen, wenn er nicht mehr da ist: So focht er, und so führt’ ich meine Klinge. – Auch die Rede hielt sich genau in den Grenzen. Ein Rückblick auf die immer sich steigernden Forderungen, die Entwicklung des Militarismus in Europa. Das neue Friedensmanifest des Zaren erregte Ironie. Man brauchte die Armeeen für die Söhne der oberen Zehntausend, das Niederhalten der revolutionären Bewegung. Wieder der gefährliche, ironische Beifall. Sie wussten das wohl – sie!
Nur einmal erhob sich die Stimmung zu einer gewissen Grösse. Der Redner hatte Aeusserungen zur Philosophie des Krieges angeführt, von Moltke, Treitschke, General von Boguslawski. Dann wurden statistisch die Verluste in der Industrie seit siebzig nachgewiesen. Eine halbe Million! Mehr wie alle Kriege! Wir brauchen keine künstliche, gewaltsame Schöpfung, um uns männlich und kraftvoll zu erhalten. – Ein Ausruf begleitete diese lange Liste von Blut, Verstümmelung, Asphyxie, Marter, – ein Schrei des Schmerzes, aber auch der Kraft, imponirend in dieser friedlichen, mittelmässigen Masse. Sie waren die[pg 53]jenigen, die sein mussten. Sie würden sein. Da war die Grösse der Partei, das Selbstbewusstsein des thätigen, unreflektirenden Lebens, die Haupterrungenschaft der modernen, demokratischen Zeit. Und das wird bleiben.
Ein früherer Pastor sprach nach dem grossen Mann. Er hatte seine Stellung aufgegeben um seiner politischen Meinung willen, verwahrte sich aber ebenso gegen die Partei. Er entwickelte des Längeren seine Ansichten. Er glaubte an Gott, war königstreu. Seinen Traum bildete eine Art christlich-sociales Königtum. Man hörte zu, nicht gerade unhöflich, aber ohne Interesse, leicht ironisch. Und er war confus, quasselte. Es lag etwas Gefährliches in dieser höflichen Ironie selbst. Man hatte das zu oft gehört. Man glaubte sowas nicht mehr.
Den Beschluss machte ein Anarchist. Er hatte wenig Glück, die Parteiveteraninnen protestirten von vornherein. Die Rede war ein krauses Sammelsurium, eine Gesellschaftsordnung auf nur natürlicher Grundlage, freie Geschlechtswahl, mit einer seltsamen Verquickung von naturphilosophischen Dingen, abstrusem Mysticismus. Man rief ihm Schweigen zu, pfiff, trampelte mit den Füssen: [pg 54]„Schliess auf! Halt’ die Schnauze!“ Man wollte das nicht, man war Polizei für sich selbst. Wenn Einer das Martyrium der Lächerlichkeit auf sich nehmen wollte, desto schlimmer für ihn selbst. Sie schüttelten sich das von den Rockschössen. Sie hielten auf ihre neue, sauererworbene Respektabilität.
Der Verhöhnte stand einen Augenblick, blass, mit einem kränklichen Lächeln, stotternd. Dann stieg er unter allgemeinem Gelächter die Tribüne herunter.
Die Versammlung löste sich auf in bester Ordnung. Der Abgeordnete wechselte mit den Polizisten einen Gruss. Er war sorgfältig in einen gestrickten Wollshawl eingewickelt, er litt an Katarrhen. Der Sergeant lächelte gutmütig mit Bezug auf den letzten Redner. „Verrückter Kunde! Wir lassen ihn laufen“ ... Sie hatten ihn schon so oft eingesteckt. Da war nichts zu machen. Und er war ungefährlich. – Beide Gewalthaber schieden im besten Einvernehmen. Hätten sich die Machtverhältnisse eines Tages umgedreht, diese Gegensätze würden ruhig in ihren beiderseitigen Functionen bleiben können. Es wäre dasselbe gewesen.