Der Fremde rief den Burschen. Draussen begann schwerfällig, schlafbetäubt das Leben sich zu regen. Lastkarren fuhren müde. Einzelne dunkle Gestalten huschten. Man sah die lange graue [pg 46]Breite der Strasse mit Häusern zu beiden Seiten, unzähligen Fenstern und Thürluken, unter dem trüben Himmel, von dem es leise wie Thau tropfte.
Der Fremde wies auf die weinende Frau: „Geht!“
Sie gingen. Sie geknickt, an seine Schulter gelehnt mit schwankenden, irren Schritten. Er hochgehobenen Hauptes, sehr ernst und sehr gerade.
Frau Matzke in der Thür ihres Hauses sah sie sich entfernen. Sie sagte gar nichts. Sie nahm ihren Besen wieder auf und fegte. Man sah die Silhouette ihres gebückten Rückens, die wüthende Wucht der Besenstösse, mit denen sie den Staub aufwarf und in die Schaufel schob.
Sie fegte.
Das dritte Kapitel.
Man fürchtete, dass der Zudrang zu der Versammlung ein sehr grosser würde. In Folge dessen war die Schutzmannschaft reichlich aufgeboten. Man gab Achtung, den Saal auf die Minute eine Viertelstunde vor der anberaumten Zeit zu schliessen. Viele sahen sich so ausgeschlossen, auch ergab das einen Vorwand, die Galerie nicht freizugeben. Man führte den Krieg mit diesen kleinen Mitteln seit einiger Zeit, obgleich eigentlich das Verhältniss ein gutes, fast behagliches war. Sie kannten sich so genau, die Gewohnheit des häufigen Zusammentreffens hatte einen förmlichen kleinen Comment herausgebildet, bis auf die ganz regelmässig wiederkehrenden Witze. Man hätte sich fast vermisst, wenn man sich nicht vorgefunden hätte. Der [pg 48]Riesenhund des Wirths trieb seine Allotria dazwischen mit einer ganz kleinen Hündin, einer proletarischen Mischung aller Rassen, die von jeder die Hässlichkeiten angenommen hatte. – Ueberdies waren es genau dieselben Typen, die da Wache gingen, als Ueberwachte eintraten, Blonde, nicht schlecht genährte, bourgeoise Ruhe und Anständigkeit, dazwischen einige knallfarbige, federbewallte Hüte der Genossinnen. Die Frauen überhaupt drängten sich vor, zeigten sich aufgeregter als die Männer; es war bekannt, dass einige der Führerinnen eine Zunge führten, die ihre männlichen Kollegen im Schach hielt.
Einige Parteiveteraninnen hatten sich an den Eingang des Saals postirt. Da Viele noch immer aus- und eingingen, deckten sie die Thür mit ihren breiten Rückseiten. Sie warben für ihren Verein, überwachten den Verkauf der Zeitungen und Broschüren, die auf kleinen Tischchen aufgeschichtet lagen. Dazwischen wurden Bons zur Unterstützung armer Abgeordneter feilgeboten. Die Kellner circulirten mit Bierseideln. Alle rauchten, sprachen durcheinander. Von weitem, mit den schwarzbehuteten Köpfen, die auf- und untertauchten, ergab das den Eindruck eines heftig bewegten Sees, [pg 49]der gegen die Tribüne andrängte, sich staute. Man erwartete den Anfang der Versammlung und wurde ungeduldig. Die dichten Rauchschwaden brachten eine lila mystificirende Beleuchtung mit in das ordinäre, gelbe Gaslicht. – Es waren da Leute, die ruhig ihre Butterbrote und Häringe verzehrten, Andre sprachen von Parteiangelegenheiten, ihren kleinen und kleinsten Privataffairen. Ein junger Mann mit einem rothen Shlips und einem Apostelkopf stand neben der Thür. Er sah krank aus und blickte mit glänzenden, unirdischen Augen in das Leere, als ob er etwas Wunderbares sähe.