„Eine Freundin von mir ist im Spital gestorben, Becker’s Lene, die lange. Sterben ist grässlich. Huh! Huh!“

Sie fing wieder an, ihr Gesicht zu verstecken. Sie rutschte auf den Knieen hin und her. Sie gab kleine Töne von sich, wie ein gescheuchter, flatternder Vogel. „Du machst mir Angst. Sprich doch. Guck mich nicht an! Guck mich nicht an!“

Sie streckte beide Arme aus, wie unter dem [pg 44]Schrecken einer Erscheinung. Sie bog den Kopf zurück. Ihre Augen weiteten sich starr. „Ich bin mal in der Wiese gewesen. Blumen wuchsen so reinlich mit weissen Gesichtchen. Auf dem Teich fuhren Schwäne. Grüner Wasserliesch schwamm. Wo sie fuhren, wurden dunkle, tiefe Flecken. Das hörte man gar nicht. Ueberall theilte sich der Sumpf. Klar war’s und dunkel ...

„Ich will Dir noch etwas sagen, was kein Mensch weiss. Ich hätte ein Kindchen gehabt, aber es ist nicht zur Welt gekommen. So gross war’s, todt und feucht. Es hätte nicht gelebt und nichts zu essen gehabt. Mein kleines Bübchen! Mein todtes, kleines Kindchen!

„Manchmal denk’ ich, die Sterne, wenn die so funkeln, dass man dort sein könnte. Alles weiss an mir runter.“ ... Sie strich an sich herunter mit glättenden Händen. Sie strich, als ob sie all’ ihre Gewänder abstreifen wollte. Wie im Fieber gingen die dünnen streichenden Hände. ... Das Hälschen über den zarten, fallenden Brüsten reckte sich wie ein Lilienstengel. Eine Bläue war in den Augen, die nicht mehr vom Leben war. Die Lippen seufzten wie die Jemandes, der trinkt. Sie trank – trank – trank.

Der Fremde sagte nichts. Seine Hand legte sich auf diese junge, noch weisse Stirn. Zart und gütig lag sie, ganz leise.

Unter der Hand sank die Frau zusammen. Sie wurde klein. Sie wurde ein Wurm, der sich am Boden schleppte.

Sie weinte. Sie drückte sich ganz dicht an seine Füsse. Ihre Thränen tropften auf seine Füsse. Ihre blonden Haare hatten sich gelöst und fielen über ihr gebeugtes Haupt und seine benetzten Füsse. Er rührte sich nicht. Sie weinte – weinte.

Frau Matzke war mit dem Besen in der Hand in der Schlafzimmerthür erschienen. Sie stand da mit einem harten, steinernen Ausdruck, unbeweglich. Man hörte das tiefe, röchelnde Schnarchen des Trunkenbolds, unschuldige, tiefe Athemzüge der Kinder.

Jemand wartete in der Strasse mit einem weissen, elenden Gesicht. Er hatte die ganze Nacht gewartet. Nun war es Morgen.