„Wenn Du wüsstest, wäre es das?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, man muss es finden, selber in sich finden. Dann ist es der Friede. Ein Glück über dem Glück, Erfolg und Schande, Reichthum und Armuth, – das ist Alles so gleichgültig. Es ist über dem Allen.“

Sie sah den Fremden an. Die junge Frau mit zarten, spielenden Fingern strich langsam die Säume ihres Kleides entlang. Ihre Augen verschleierten sich in dem Schleier, der über die Felder ging. Es war, als ob die Farbe der Felder in sie eindränge und es bliebe nur eine Farbe in ihren Augen und in der der wehenden Saaten. In der Curve ihrer Schultern fand sich die gesenkte Kruppe des weissen Pferdes. Die graue Seidenhaut des Windspiels schmiegte sich wollüstig, verloren in die Kleiderfalten. Das Wasser fiel in kleinen plätschernden Cascaden, oder es ruhte sich lange aus, in Pausen, wo nur das Unterirdische murmelte, die kleine Stimme von Tropfen, die höhlen, klopfen.

„Manchmal fühle ich, als ob ich gar nicht mehr Ich bin. Eine hässliche Kröte. Eine Tigerkatze. Ich bin ein Wesen, was vor vielen tausend Jahren war und hundertmal gestorben ist. Ein Thier und ein Gott. Vom Thier zu Gott. Das ist der Weg.“

„So ist es.“

„Ja, ich habe gelebt,“ sagte sie sehr leise, liebkosend. „Ich habe gemordet. Ich habe ge[pg 87]sündigt und triumphirt. Vielleicht habe ich am Märtyrerpfahl gestanden. Und es machte mir Freude, meine weisse, feine Hand in Blut zu tauchen, bis sie roth war. – Ich sah einen Mann einmal. Er war ein Strolch und ein Mörder. Er auch, war ein König. In seinem Auge las ich den Stolz der Starken. Wir kannten uns so gut, wie wir uns sahen. ... Das ist seltsam.“

„Nichts ist seltsam.“

„Nichts! Nichts!“ wiederholte sie inbrünstig. Eine feine Röthe schlug von ihrem Hals auf wie Sonne unter Lilienblättern. „Gar nichts ist seltsam. Manchmal in Büchern, in der sehr grossen Kunst fühlt man es. – Ich habe es in Felsbrüchen gesehen, in dem spitzen Speerschaft irgend eines Grashalms. Es giebt Worte, Reime. ... Goethe hat sie. Und Shakespeare, wenn Ophelia wahnsinnige, kleine Lieder singt. Ich kenne chinesische alte Götzenbilder und Michelangelo’s Grabfiguren am Mediceer-Denkmal. ... In der Marseillaise hört man die Tuba der Erzengel. Warum ist Lucrezia Borgia süss wie Nachtigallsang am Maiabend und Napoleon gekreuzigt wie der von Golgatha ... Es ist so schwer zu denken ...“ Sie presste die weiche kleine Hand gegen die Stirn, [pg 88]an der die Schläfen flogen wie unter Hämmern einer Schmiede.

„Warum denkst Du?“ fragte er gütig.

„... Wenn man nicht denken brauchte! Alles weiss man. Nur weil man versucht, sein Wissen zu erklären, ein Wissen für Alle, Gesetze sucht, weiss man nicht mehr. Kinder wissen. Und Frauen! Ah, Frauen wissen eher wie Männer! Sie fühlen. Es ist ihr Körper, der in ihrem Willen ist, ... weil Frauen lieben.“