Der Patron des Gutes nahm sich seiner an, ein wohlthätiger und gelehrter Mann, sehr reich. Er liess ihn studiren. Vielleicht wollte er sich einen brauchbaren Präceptor seiner Söhne erziehen. Es ist immer angenehm, einen Clienten zu haben, Wohlthun ist ein Vergnügen für reiche Leute.
Die Freude an seiner Wohlthat war kurz. Der [pg 125]Junge entlief zwischen die rotheste Rotte. Er hielt zündende Reden, schrieb Zeitungsartikel, die die Presse in Bewegung setzten. Er wurde selbst Arbeiter. Seine Fäuste zwangen das Eisen wie sein Geist den Stoff – ein interessanter junger Mann, dem man eine Zukunft prophezeite!
Er verliebte sich. Irgend eine gleichgültige, hellblonde Tochter seines Patrons. Sie liess ihn lächelnd sich glühend erklären und heirathete kaltblütig und vernünftig ihren Dragonerlieutenant. – Nun fing er an wie ein grosser Herr zu leben, machte wahnsinnige Schulden. Alles musste ihm den einen Zweck, Geld zu machen, dienen, seine Feder, seine Talente, skrupelloseste Börsenmachinationen. Summen glitten zwischen seinen Fingern. Auf Reisen im Orient machte er die Bekanntschaft des Prinzen. Seitdem waren die Beiden unzertrennliche Begleiter.
Bergabwärts raste das Gespann. Er hatte die Peitsche fortgeworfen, die Zügel losgelassen. Er kutschirte mit gekreuzten Armen wie im Circus. Er hätte wie eine Katze den Pferden auf den Rücken springen mögen, mit seinem Athem an ihren Ohren, wie Cowboys, Uncultivirte reiten.
Hinter ihm zerbrach splitternd das Fensterglas: [pg 126]„Hülfe! Hülfe!“ klang es gellend, kreischend, nicht mehr menschlich.
Er schlug ein teuflisches Gelächter auf. Sie rasten weiter.
Wie Rabenfittiche sausten die Rappen durch die Luft. Die Luft litt unter dem Ansturm und pfiff schmerzhaft. In Peitschenhieben traf sie die Flanken der Wüthenden. Ihre Nüstern schnoben Feuer. Von ihren Hufen sprühte der Stein in knisternden Funken. Das Heulen der Winde wurde grässlicher. Sie fingen sich, drehten sich, verschlangen einander in kreisenden Strudeln. Regenhuschen stoben auf. Irgendwo musste es schon giessen in Strömen. Es schlug prasselnd gegen das Fenster. Die krampfende Hand im Rahmen verschwand. – Dadrinnen war die Sündfluth.
Irgend etwas war zerbrochen. Ein Hinterrad. Die Pferde rasten weiter mit dem geschleiften Kasten, der knackte in allen seinen Fugen, aufsprang, fiel, kratzte, quietschte, mit dem dumpfen Geräusch von Schlittenkufen auf dem Trocknen.
Dadrinne war ein Skelett, ein nicht mehr menschliches Ding, getödtet von Furcht, und doch lebend, das agonisirte. Es dachte an diese schreck[pg 127]liche Angst und Hülflosigkeit, dass er ihn hielt in seiner starken Hand, stark wie die Lawine!
Vor ihnen knatterte der Fluss. Der Regen prasselte. Er schlug hernieder wie in Ruthenbündeln. Haarscharf wendend, zeigten sich im Blitzlicht zerrissne Sprünge, schweflig gähnend, dass die Pferde zur Seite schnellten, grausend.