Er hatte niemals eine andre Heimath gekannt als das Kloster. Da war seine Stätte, am Altar. Der liebte ihn und der hatte ihn nicht zurückgestossen. Mit weissen Blumen umkränzte er ihn. Er sang. Er schwang seine Weihrauchschale, weissgekleidet als Chorknabe, Diener am heiligsten Messopfer, eh’ er selbst daran theilgenommen. [pg 158]So war er aufgewachsen, in dieser Atmosphäre der Liebe, Weiss und Gold, den heiligen Farben der Unschuld und des Triumphes. Ohne einen andern Gedanken. Er liebte Alles.
Es war um ihn wie der weiche, milde Schein, der vom linnengedeckten Altar ausging, der Lampe, die ewig brannte in all dieser Weisse, dieser Stille. In lasterverzerrten Zügen sah er das Leid. In ihrem Hochmuth die Angst. In ihrer Schönheit, rührender als ihre Schönheit, den Tod.
Wie auf weissen Rosen ging er mit nackten Füssen, lächelnd das Heilige tragend gleich Engelknaben. Und vor seiner demüthigen Stirn neigten sich die Stolzen. Die Bescheidnen fassten Muth. Alles liebte ihn. Es war, wie wenn die Vögel süsser sangen, wenn er vorbeischritt im Klostergarten. Sie waren zutraulich und pickten von seinen Händen. Die Blumen, die er pflanzte, gediehen. Ruhig und majestätisch entfalteten sie sich. Die Sonne schien nicht zu heiss auf sie. Irgendwie hörte der Sturm auf um ihre schlanken Stengel.
Es gab alte Mönche im Kloster, die das Leben gekannt hatten. Es hatte harte Narben gegraben in ihre Seele. Sie liebten ihn, die alten Wunden [pg 159]brannten nicht, wenn er da war. Nur eine Gabe besass er, die lieblichste David’s, der Musik. Die Töne wurden lind unter seiner Hand und wenn er spielte, hörte der Tumult auf in leidenschaftdurchwühlten Herzen.
Niemals war er stolz gewesen oder ungütig. Ein Kind Jesu! Er trug diesen Namen, halb der Schande, wie eine feine, goldne Aureole.
Die Grossen übersahen ihn und für die Klugen war er nichts. Er hatte keine Disputationen geschrieben über Fragen des Glaubens. Die weltliche Macht der Kirche liess ihn kalt. Der Beifall einer Menge hätte ihn schüchtern gemacht.
Aber er liebte die kleinen Kinder. Sehr alte, hülflose Leute waren ihm ehrwürdig. Er richtete die geknickten Halme auf und ihn erbarmte der Vogel unter dem Himmel.
Tapfer kämpfte der kleine Priester durch den Schnee. Der Schnee fiel in weichen, grossen, fasernden Flocken aus Wolken, die selbst Schneesäcke waren. Sie hingen so niedrig, dass man nicht sah, wo sie aufhörten und das Gestöber anfing. Ihre Vorräthe schienen unendlich, als ob ein ganzer Himmel voll von Schnee hinter ihnen läge. Er leerte sich langsam. Von den Schichten bauten [pg 160]sich Mauern ihm entgegen. Nichts konnte mehr welchen aufnehmen. Aus dem Ueberfluss wallten neue Hügel über. – Diese Flocken lösten sich nicht auf. Sie schwebten und drehten sich langsam in der Luft und blieben hängen wie im Festen, Gesättigten. Man dachte an Nesterbauen dabei, Eiderdaunen, in die man sehr tief einsank. Und es war gar nicht kalt. Der Schnee schien wie eine schützende Schicht zwischen der Kälte und der Erde. Es war wunderbar, wie lautlos er fiel. Und überall, wo er fiel, hörten die Contouren auf, alles Steife, Eckige, Nackte. Wie ein liebevoller Pelzmantel hüllte er sie ein, dass sie nicht mehr froren, zeigten. Er fiel ... fiel ...
Der kleine Priester fror gar nicht. Im Gegentheil, ihm war warm. Er trug das Allerheiligste unter seiner Soutane, gegen die Brust gepresst. Und es war ihm, als wäre es da eingedrungen. Es sass da und brannte. Goldne Strahlen warf es. Immer grösser, immer weiter. In der Mitte war ein blutrothes, glühendes Herz und sein Scheinen war wie Karfunkel. Es leuchtete weit durch den nächtlichen Wald.
„Das ist, als ob ich ein Licht bei mir trage,“ [pg 161]sagte der kleine Priester. „Wie seltsam das ist! Und wie schön!“