Schön war es in der That. Alle Bäume standen wie schwarze Säulen, ganz gerade mit seltsamem Ast- und Aderwerk. Ihre Zweige verbanden sich. Sie kreuzten sich und rankten ineinander geheimnissvoll in Rosetten, Sternen, wie ein Kirchendach. Er ging ganz leise, wie auf weichen, weissen Rosen. Er zertrat sie nicht. Sie richteten sich auf unter seinem Fusstritt. Sie dufteten sehr süss, Ambra, Weihrauch und Myrrhen, die mystischen Düfte der Kirche, die Seele darstellend, die sich spiritualisirt in Sehnsucht.
Jetzt fing es auch an zu läuten. Zwischen den hohen Bäumen schwangen die Glocken. Sie hingen da in Stricken von einem Baum zum andern. Und sie schwangen, schwangen. Wunderbare Melodieen waren die Melodieen der hohen, ernsten Bäume. Den kleinen Priester erstaunten sie. „Ich habe es doch oft rauschen hören im Walde. Niemals wusste ich, was es war. Aber jetzt weiss ich es.“
Und er hörte kleine, liebliche Stimmen. Das waren die der todten Blumen unter dem Schnee. Er hatte gedacht, dass sie todt wären. Sie [pg 162]waren nicht todt, sie warteten nur auf den Frühling, lagen warm und weich gebettet unter dem Schnee, der sie zudeckte und fiel – fiel.
Die Schneeflocken selbst sangen. Sie fassten sich an und tanzten. Es war richtiger Rhythmus in ihrer Bewegung. Dazu klangen sie. Und dann waren sie Engelsköpfchen mit weichen, flaumigen, ganz jungen Flügeln. Das sind die Seelen der todten Kinderchen, die sterben, ehe sie zum Bewusstsein ihrer Seele erwachen.
Er hatte nie gewusst, wo diese todten Seelen hinkommen. Jetzt wusste er es. Sie waren glücklich und deckten die kleinen Blumen zu, dass sie gut schliefen, nicht erfroren im harten Winter.
Er musste über einen Bach, der ganz zugefroren war. Aber das Wasser war auch nicht todt, es schlief nur in der Tiefe. Er hörte es singen geschäftig am Werke, in kleine Röhrchen tausend Tröpfchen zu giessen, die Erde aufzuweichen. Es wird Frühling! Es wird Frühling!
Auf einmal war es Frühling.
Er wandelte in einem grünen Dom. Wände von lichterem Grün schoben sich zwischen die andern, hohen. Alle regten tausend Blättchen. Einige waren fast durchsichtig vom Licht, das sie [pg 163]golden durchglühte. Die Andern blieben im Schatten beinah schwarz, oder ihre Ränder zeichneten sich wie in hellem Feuer gezogen. Atlasglänzend lief es entlang am Buchenstamm wie feinste Haut des Apfelschimmels, röthlich schwelend an der rissigen Kiefernborke. Die Birken standen ganz weiss mit gesenkten, wehenden Zweigen, ein kleines, zitterndes Herz jedes Blättchen, Jungfrauen vergleichbar in der Schönheit ihrer Haare im Mai. Pelze hatten die Haselnussblätter. Die Erlen bogen sich, schwärzliche, schuppige Schlangenleiber, dem Sumpf entsprossen, mit klebrigem, bitterschmeckendem, starkgerieftem Blattgrund. – Und da oben über dem Blätterdach stand die Sonne, goldne, warme Frühlingssonne.
Er wandelte mit nackten Füssen auf einem Blumenteppich. Wo er hintrat, blühten die Blumen. Sie blühten auf wie Kissen unter seinen Füssen, nur Blumen ohne Blätter und Stengel. Vögel sangen, goldne Vögel mit silbernen Schwingen, die Stimme des Windes, der Erde und des Wassers, Alle priesen Gott.
Er sah auf und die Sonne war Gott. Seine Strahlen fielen warm über Alles. Er war gut – gut.