„Dann musst Du von seltsamem Stoff gemacht sein,“ bemerkte Kuhlemann. „Dies verfluchte Wetter macht Einem die Blutstropfen im Leibe gefrieren.“

In der That war es jetzt ganz empfindlich kalt. Der Wind pfiff mit scharfem Eishauch. Unter seinem Mantel glühte der Junge. Er wusste nicht mehr, wo er war. Er phantasirte.

Er war bei sich zu Hause. In der kleinen Küche war es stickend warm. Solch’ eine fröhliche Wärme! Der ganze Heerd glühte, rothglühend mit hüpfenden, spritzenden Lichtern, obgleich es dunkel war, um Petroleum zu sparen. Aus dem Suppentopf stiegen weisse, nahrhafte Wolken. Ein Duft von Aepfeln kam aus der Röhre; man hörte ihre [pg 17]feinen, braunen Häute britzelnd zerspringen.... Er war da. Er war ein Knabe, er hielt die kleine Schwester auf den Knieen. Er fühlte deutlich den warmen, pulsenden Körper. Das Kind hatte die Aermchen um seinen Hals gelegt. Sie warteten auf die Mutter. Er erzählte ihr von Weihnachten.

Von einem alten Mann mit weissem Bart erzählte er ihr. Er trug einen grossen Sack mit Aepfeln und Nüssen über der Schulter. Er hatte ein rothes, freundliches Gesicht, und eine Birkenruthe hielt er in der Hand. Wenn man seine Sprüche nicht wusste, gab es Schläge. Sie waren gute Kinder, sie konnten ihre Sprüche. Das kleine Mädchen hatte die Hände gefaltet und wiederholte sie mit halblauter Stimme. Die ganze Geschichte, die freundliche Lehrerin in der Kleinkinderschule hatte sie ihr vorgesprochen. Der grosse Bruder, der schon klug war und lesen konnte, half ein:

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde.

„Und diese Schatzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war.

„Und Jedermann ging, dass er sich schätzen liesse, ein Jeglicher in seine Stadt.

„Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heisst Bethlehem, darum, dass er vom Hause und Geschlechte Davids war.

„Auf dass er sich schätzen liesse mit Maria, seinem vertrauten Weib, die war schwanger.

„Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“