„... Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“ ... wiederholte der kleine Handwerksbursche mit glühenden Lippen auf der eisigen Landstrasse.

Dann fing er auf einmal mit leiser Stimme an zu singen: „O du fröhliche! O du selige! Gnadenbringende Weihnachtszeit!“

„Nanu?“ sagte der Rothe grob. „Bei dem ist’s wohl nicht recht helle? Singt der Mensch hier auf der Landstrasse wie eine Lerche! Du hast doch wohl einen heimlichen Trunk zuviel gethan? So’n verfluchter Duckmäuser!“

Aber der Kleine hörte ihn nicht. Er war ganz [pg 19]glücklich. Er hielt seine kleine Schwester. Es war so warm in der Küche. Er fing an, an seinen Kleidern zu reissen. – Auf allen Kirchthürmen begannen die Glocken zu läuten. Die kleine Küche war voll vom hellen Schein. Sie hatte überhaupt keine Decke mehr, keine Balken und angeblakten Kalkwände. Da war der Himmel. Er war ganz offen und die Engel sangen. Sie sangen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“

Sie sangen sehr laut mit hellen, schmetternden Stimmen. Alles hallte davon wider. Dieser Gesang erfüllte das ganze Gewölbe des Himmels, der eine grosse, dunkelblaue Glocke war, in der goldne Sterne schwangen und spannen. Sie drehten sich sehr rasch mit langen, lichten Streifen hinter sich her in der Bahn ihrer Schwingung, die feurige Ringe bildete, Kreise und Sphären. Die ganze Glocke drehte sich, sang und schwang.

Der kleine Handwerksbursche sang laut, vorwärts stolpernd im schleimigen Strassenkoth, zwischen den schwarzen Fabrikschuppen mit hohen Schloten, vor der Stadt, die rings umher anfing sich zu entzünden, wie ein Halbkreis der Hölle mit feurigen Augen.

„Bist Du verrückt?“ schnauzte ihn der Andre an.

„Dein Gefährte ist sehr krank,“ sagte der Fremde sanft.

So war es. Alles hatte bei dem Kleinen zusammengewirkt: die langen Wochen der Angst und schlechter Ernährung, der unheimliche Gefährte, der Weihnachtsabend.

Er fuhr fort zu singen. Er wehrte sich gegen den Andern in seinem Fieberrausche: „Lass mich! Du erfrierst mir das Herz. Du stösst mir glühende Messer in’s Weiche. Du bist schlecht und roh! Schlecht! Schlecht! Du bist der Teufel!“