Er war wie ein Rasender. Er fing an mit beiden Armen um sich zu schlagen. Er bäumte sich wie ein scheugewordenes Pferd. Er wollte plötzlich nicht weitergehen. Er liess sich wie ein Sack zur Erde fallen.

„Halloh!“ sagte der Rothe. „Das ist eine schöne Geschichte. Nun stirbt uns der hier im Dreck. Das hetzt uns die Grünröcke gleich auf die Hacken.“

„Hilf mir ihn aufheben!“ sagte der Fremde. „Er darf nicht sterben so.“

Sie hoben ihn auf. Auch der Rothe that seine Pflicht, sanft genug für seine rauhen, frost[pg 21]geschwollenen Fäuste. Die Mütze war dem Kleinen vom Kopf gefallen, Koth hatte sich in die blonden Locken gesetzt. Er entfernte ihn mit einem grimmigen Scherz: „Das würde seiner Liebsten nicht gefallen.“

Es lag da ein Steinhaufen am Chausseerand aufgeschüttet. Der Fremde hatte sich darauf gesetzt, der Junge lag in seinem Schooss mit dem Kopf an seiner Brust. Er lag ganz still und lächelte.

„Ich kenne Dich wohl,“ sagte der Junge. Er sprach mit erstaunlicher Geläufigkeit, in einer hellen, klingenden Stimme des Entzückens, wie wenn Alles, was in ihm schweigsam und gefroren gewesen war, sich jetzt löste, aufthaute.

„O, ich kenne Dich ganz gut. Du bist mein alter Lehrer in Greifenberg, der freundlich zu uns war. Wenn man’s gut gemacht hatte, strich er mit der Hand über den Kopf. Manchmal durfte ich ihm die Bücher nach Hause tragen. Dann bekam ich einen Apfel.... Er war alt und arm, und hatte viele Kinder, wie wir.“

„Nette Suse!“ murmelte der Rothe. „So ’ne weisse Wassersuppe!“

Der Fremde sass ganz still und hielt den Kopf [pg 22]des Jungen. Der lachte, er griff ihm mit der Hand in den Bart. „Du bist mein Vater, der gestorben ist,“ sagte der Junge. „Er ging des Morgens sehr früh fort. Dann trat er leise auf und zog sich im Dunkeln an, damit wir nicht aufwachen sollten. Es war noch sehr früh und sehr kalt draussen. Im Bett war es warm. Der Winter hatte grosse, weisse Eisblumen vor das Fenster gemalt. Wie hinter einer Wattenwand schlief sich’s da.... Dann ging er fort einen Morgen und kam nicht wieder.

„... ‚Nun bist Du der Mann in der Familie, Richard,‘ sagte die Mutter. ‚Versprich mir’s, dass Du immer für die Schwestern sorgst, wenn Du gross bist und viel Geld verdienst.‘