Da fing ihn an zu gereuen, was er gethan hatte. Er kam herzu, um der Katze aufzuhelfen. Wie er sie genau betrachtete, sah er, dass diese Katze heute oder den Tag zuvor Junge geworfen haben musste, denn die Haut ihres Bauches hing ganz lose unter den vorstehenden Rippen, dass sie fast auf dem Boden schleppte. Die Oeffnung des Afters war unnatürlich weit, noch vom geronnenen Blute verklebt. Man sah die Zitzen, die weit, aber schlaff, ohne Milch sich sackten. Denn sie war sehr erschöpft und hatte gehungert seit langen Tagen. Nun lag sie im Staub und blutete. Niemand würde diesem Nest voll kleiner Katzen in irgend einer verlassnen Scheune oder auf einem Heuboden Nahrung bringen. Sie würden warten und miauen, elendiglich verhungern, um [pg 176]ihre Mutter, die nicht kam, den spitzen, harten Stein, den er geworfen und sie getroffen hatte, da sie ging Jagd zu machen auf Vögel für ihre Kleinen, die hungerten.
Er stand nun da vor der Katze und sah sie an. Die Katze sah auf zu ihm mit schiefen, wilden Augen, ob er ihr helfen würde oder sie weiterquälen? Sie wusste nicht, dass es sein Stein gewesen, der sie getroffen hatte. Aber sie hatte Angst vor den Menschen, die stark sind, war da wie ein wildes Ding, das man eingefangen hat. Und es kann sich nicht wehren, denn all’ sein Gift, scharfe Zähne und Krallen, die ihm ja nützlich sind gegen die Kleinen und ganz Schwachen, werden ohnmächtig und nützen ihm nichts. Es wartet, dass man es vollendet.
Da er noch stand, dieses Thier ihn ansah und er über solches dachte in seinem Herzen, kam ein fremder Mann des Wegs. Er nahm die Katze, die nach ihm fauchte, wusch ihre Wunden sorgfältig mit Wasser und gab ihr zu trinken aus einer Flasche, die er bei sich führte. Dazu, um das Wasser zu finden, hatte er hinabsteigen müssen zum Fluss. Wie der wieder heraufkam und die Katze auf seinen Arm nahm, biss ihn das Vieh [pg 177]in die Hand und entsprang zwischen die Weidengebüsche.
Da dieser nun die Schramme an seiner Hand besah, das Blut abtrocknete mit seinem Tuch, sprach Johannes zu ihm: „Wie magst Du dem schädlichen Raubzeug helfen? Sein Leben ist der Tod Vieler. So es verreckt, wem schadet es? Ein werthloses Vieh! Tückisch und voll Argheit.“ Das sagte er aber, den Andern zu versuchen, denn in seinem Herzen gereute ihn der Katze. Er wusste wohl, dass es ihre Natur ist, Vögel und Mäuse zu fangen. Er fragte sich nur: Warum ist das in der Natur, und hätte gern eine Antwort gewusst.
Der fremde Mann sprach: „Ich helfe jeglicher Creatur. Sie war hungrig und litt. So war es meine Schuld, ihr zu geben, sie zu heilen.“
„Sie wird hingehen und neues Uebel stiften, tödten und quälen.“
„Der Tod ist kein Uebel,“ sagte der fremde Mann. „Der Geist, der widerstehet dem Uebel, der ist vom Uebel.“
Diese Antwort verstand Johannes nicht, aber sie quälte ihn in seinem Herzen. Er sprach: „Deute mir das!“
Der Andre sprach: „So Dich Jemand schlägt und Du schlägst ihn wieder, so ist der Schlag Dir nicht Unehre, aber dass Du zurückschlägst und also Böses vergiltst mit Bösem. So ist das Böse an sich nicht böse, aber es böse macht in seiner Wirkung, sind Böse.“
Johannes sprach: „Soll ich einen Mann nicht tödten, der Andre tödtet? Würde Mord und Todtschlag nicht überhandnehmen in der Welt, so Solches ungestraft bliebe? Jeder thun könnte, was ihm gefällt, sein böser Muth ihm eingiebt gegen seinen Nächsten?“