Der Fremde sprach: „So es sein böser Muth thut, ist es seine Natur. Alles, was in der Natur ist, ist von Gott. Der Mensch kann nichts dagegen. So Du aber schlägst gegen Deine Natur, ist es Dir Sünde, grösseres Unrecht denn dess, der Dich geschlagen.“

Er sprach: „So werden alle Bösen fortab triumphiren und straflos sein. Die Guten müssen nur dulden und ertragen.“

Der Fremde sprach: „Dulden und ertragen ist nicht böse. Selig sind, die das erkannt haben! Aber es ist dem Menschen schwer, zu erkennen, und Wenige sind, die es fassen hier im Leibe. [pg 179]Das Fleisch ist schwach in ihnen. Der Tod scheint bitter dem, der kräftig ist und sich bewegt.“

„Der Tod ist immer bitter,“ sagte Johannes. „Das ist auch gegen die Natur des Menschen.“

„Weil sie die Natur nur halb erkannt haben,“ sagte der Fremde. „Sie wissen, dass sie sterben müssen, aber sie wissen nicht, was hinterher kommt. Sie sehen, so lange es hell ist. Aber die Nacht lebt auch, hat Farben und Formen. Nur sie sehen sie nicht. Sie nennen das Eine Leben und das Andre Tod. Und der Tod ist Leben, eins so gut wie das Andre. Alles ist Leben. Es ist ein Neugebären in jeglichem Sterben.“

Der Fremde sagte ihm ein andres Gleichniss und sprach: „Die Menschen rechnen die That, die Gedanken sehen sie nicht. Sie können die Gesinnung nicht lesen, die im Herzen ist. Die That ist nicht besser wie der Gedanke. Sondern er war der Erstgeborne und wirkt weiter. Die Sünde ist geboren, ehe die That That wird. Es ist nicht mehr Sünde im Thun wie im Wollen. Zu diesem aber sprach die Schlange. – Und der Stolz ist der Urgrund alles Uebels.“

Er sprach: „Wie deutest Du das?“

Der Fremde sprach: „Da der Mensch anfing zu mischen von seinem Willen in den grossen Gang des Wollens, der der reine Strom und Urquell des Lebens ist. Er sprach – und er sollte hören. Er dachte, wo er sehen sollte. Ein Kleines, Staubgebornes, Willkürliches will stehen, wo das Grosse, Ewige, Gesetzte steht.“

Er sprach: „Widerspricht nicht Solches der eignen Adligkeit und Freiwilligkeit des Menschen?“

Darauf antwortete der Fremde: „Mit nichten. Sondern ist es nicht edler, das Gesetz in sich selbst zu erkennen und ihm folgen, als sich von aussen verschreiben lassen, Buchstaben zu gehorchen. Das ist Sklaventhum. Das Andre Adliger und Freigeborner.“