Johannes sprach: „Wie kann das Gesetz für Alle dasselbe sein, so doch der Menschen viele sind und Millionen, Jeder anders geht wie der Andre?“
Er sprach: „Es ist auch nicht dasselbe Gesetz für Alle. Händewaschen ist nicht dasselbe, Kleidertrachten und Fasten ist nicht dasselbe, Götter von Stein und Götter von Erzen. – Aber Alle, die suchen, finden wohl den Weg.“
Da erschrak Johannes in seinem Herzen und [pg 181]sprach: „Die alten Weisen haben wohl gelehrt. Sie dachten, sie hätten die Weisheit gefunden. Und waren Edle. Tiefe Worte kamen von ihren Lippen. Buddha und Mohammed sind gekommen. – Wie sagst Du, Einer ist wie der Andre?“
Er sprach: „Alle diese sind gegangen und haben gefunden. Unschuldige Kindlein finden auch, kleine Blumen und Kräuter. Es führen viele Wege. Aber unselig sind, die stehen bleiben und nicht gehen um der Dornen willen und Steinblöcke.“
Damit wollte er weitergehen. Aber der Andre hielt ihn an in grosser Angst seines Herzens, flehte ihn an und bat: „Gieb mir ein Zeichen.“
Er sprach: „Kein andres Zeichen habe ich als dies: Die Blinden werden nicht blind sein, ob sie gleich blind sind. Die Lahmen werden gehen können und eilen, ob sie lahm sind, festgekettet an ihr Lager. Die Armen sind reich und ihr Reichthum ist köstlicher denn aller Reichen. Die Todten sterben nicht und leben, ob sie gleich gestorben sind. – Ein Kind findet es in seiner Einfalt. Den Weisen und Mächtigen aber bleibt es verborgen.“
Er sprach: „Sage mir nun noch dies Eine. So Einer Sünde gethan hat, ist er nicht schlimmer [pg 182]denn Einer, der keine gethan hat? Warum denn sollten wir nicht Alle sündigen und froh sein?“
Er sprach: „So Du sie thust, ist es Dir Sünde. Die Andern aber gehen auch nicht verloren. Der Hochmuth ist das Aergste der Uebel. Freude war über den, der Busse thut vor neunundneunzig Gerechten. Der verloren war und heim kam, fand über dem der zu Hause geblieben, niemals irrte.“
So liess er diesen und ging von ihm weiter in der Abenddämmerung.