Zwischen den Stämmen wob eine Kreuzspinne. Sie wob emsig, klebrige Fäden ziehend und feuchtend mit hebenden Beinchen. Nach rechts und nach links und in Strahlen von ihrem Mittelpunkt aus. Dann verbanden die Strahlen wieder andre kreuzende Fäden. Auf und ab wob die Spinne netzend und anziehend, wie sie Faden auf Faden spann. Die Kreuzspinne dachte: „Dies Gewebe ist meine Welt. Ich habe es Alles allein gemacht aus mir selbst. Hier hänge ich zwischen Himmel und Erde. Sie können mir nichts anhaben von oben oder unten. [pg 213]Denn ich bin die Sonne, die scheint in der Mitte. Alles, was auf ihren Strahlen läuft oder sie kreuzt, ist mein. Sein Blut nährt mich. Ich werde fett und satt von ihrem Blut. Ich bin die fetteste Kreuzspinne im ganzen Wald. Mein Gewebe ist unzerreissbarer wie die starken Bastfäden der Bäume.“

Der Fremde sass und zeichnete im Sand.

Alsbald kam des Wegs ein sehr alter Mann, dem der Wald gehörte. Er war so alt, dass er nicht mehr gerade gehen konnte, sondern sich auf einen Stock stützen musste. Aber sein Rücken war breit und mächtig in dieser Krümmung, als ob er eine Weltlast tragen könnte. Sein Haar und Bart war schlohweiss, von Schnee, der nie mehr schmilzt in ewigem Winter. In seine Haut hatten die Jahre Furchen gegraben wie in einen Acker. Zäh und hart war sie, von der Sonne vielfach verbrannt, dass ihre Farbe der ungegerbten Leders glich oder Pergamenten uralter Schriften. Wo die Adern sich unter ihr kreuzten, bildeten sie starke, hervortretende Knoten. Sie liefen auf seinen Händen wie Stricke, versteinerte Gänge einstiger Canäle, in denen kein Blut mehr fliesst. Wohl hundertjährig war dieser Mann. Aber seine Augen [pg 214]glühten und leuchteten vom Feuer, das nicht stirbt. Wie Steine waren sie, die erstarren machen die, die darauf sehen, stählerne Spiegel, dass die Seele und die geheimsten Gedanken des Mannes, den er anblickte, offen lagen gleich einer Thür ohne Hüter vor dem Alten mit den furchtbaren Augen. Wenn er die Brauen zusammenzog, war sein Zorn so schrecklich, dass die stärksten Herzen zusammenschmolzen vor ihm, ihr Wille war unter seinem Willen wie eine zappelnde Maus, eine winzige, verwickelte und verwirrte Fliege.

Wer diesem Mann nahte, der verfiel ihm mit Leib und Seele. Und er nahm ihre Leiber und sog ihre Seelen ein. Darum war er gross und stark, wunderbar vor Allen und sehr alt, so dass die Leute ringsum sagten: Er wird nicht sterben. Er aber wusste sehr gut, dass er sterben musste. Darum hütete er den tausendjährigen Wald, liess keinen Stamm schlagen, dass er stehen sollte, grünen und Früchte tragen tausend Jahre nach ihm.

Der alte Mann ging auf seinen Stock gestützt und sein Hund folgte ihm. Es war ein grosser, grauer Hund vom Geschlecht der Bulldoggen, die keine Furcht haben vor Mensch oder Thier, riesenhaft und ausgezeichnet unter Seinesgleichen, schwer [pg 215]tretend und sehr alt schon, wie sein Herr war unter seinen Gesellen, Herren und Fürsten ringsher. Etwas vom Ausdruck des Mannes war im Ausdruck des Hundes. Diese Beiden verstanden sich ohne Wort oder Zeichen. Wo sein Herr ging, folgte ihm der Hund. Wenn er des Nachts schlief, lagerte sich der Geselle vor seinem Lager. Es war unmöglich zu diesem Lager zu gelangen, ohne den Leib des Hundes zu berühren, der aufsprang, in einem einzigen Gurgelgriff den Eindringling beendigt hätte, dann legte er sich wieder nieder und leckte seine Tatzen. Denn so furchtbar und gefährlich dieser Hund war für Menschen und Thier, so gehorsam und gefügig war er seinem Herrn, dass er das Wunderbare seines Eindrucks erhöhte, der Ruhm des Hundes gross war wie der seines Herrn, in dieser Gegend, wo man sie für Könige hielt und Wesen über dem Maasse des Irdischen und Staubgewordnen.

Der alte Mann war vor dem Fremden stehen geblieben und sah ihn an. So gross war das Feuer der Sehkraft in den Augen dieses alten Mannes, dass es wie Flammen züngelte und emporschlug an dem Andern. Einen Sterblichen hätte dieses Feuer verbrannt. Aber der Fremde [pg 216]sass ganz still, zeichnete mit seinem Stab im Sande.

„Wer bist Du?“ fragte der alte Mann, dem der Wald gehörte.

„Ich bin Der, der gewesen ist und nicht stirbt.“

„Nichts ist gewesen von Anfang, und Alles stirbt,“ sagte der alte Mann. „Es ist Niemand, der nicht stirbt.“

„Nichts, das gewesen ist, stirbt,“ sagte der Fremde.