Er ging allein fort, bis er an einen grossen Wald kam und setzte sich daselbst auf einen Stein.
Es war ein sehr alter Wald aus lauter hundertjährigen Bäumen, Eichen mit seltsamen verknoteten, verknöcherten Stämmen, die da wie Vorweltriesen standen. Unten waren sie schon abgestorben, aber oben trieben immer wieder frische grüne Zweige mit krausen Blättern und Eicheln. In einige war der Blitz gefahren. Sie trugen seine Spur wie ein breites kohlschwarzes Band vom Wipfel zur Wurzel. Da war alles Leben versengt, aber die andre Seite grünte noch und breitete Aeste. Alle standen da in einem geheimnissvollen Kreisring. Nicht zu nahe bei einander, weil sie sich sonst gestört hätten im Wachsthum. Um den engeren Ring lief jedesmal ein weiterer. Seine Stämme standen in den Zwischenräumen zwischen denen des Ersten, so dass es von innen anzusehen war wie eine hölzerne geschlossene Ringwand, aus lauter Stäben, dass man nicht unterscheiden konnte, wo der Wald aufhörte oder anfing. Aber zwischen den einzelnen Kronen fiel breit der blaue Himmel durch. Der Boden war mit hohem, grünem, sehr feinem Gras bewachsen. Man konnte gehen in [pg 208]den Abständen der Ringe wie in einer Wandelbahn. Es war schattig und doch hell.
Die Rinde dieser Bäume war rauh, borkig, mit starken, eingeborstnen Abschilferungen wie die mächtigen Dickhäuter. Moose wuchsen aus ihr in grauen Hängebärten. Knoten und Buckel hatte das Alter gebildet, schwärzliche Warzen, in denen die Säfte sich schwärend stauten. Die Aeste kamen wieder, verrankten und verschlangen sich in seltsamer Weise. Keine Regel schien da mehr zu herrschen, nur Laune, grimmige, kauzige Spottsucht des Alters. Die Wurzeln liefen sehr lang mit Knollen und Armen. Sie verästelten und verwoben sich auch ineinander. Einige Stämme hatte man abgehauen. Aber die Stümpfe waren geblieben. In deutlichen Ringen stand ihr Leben geschrieben. Kleines Buschwerk, Gepilze, schoss und trieb um die Todten. Man sah ihre Wurzeln, die weiss wurden, abstarben. Doch mächtig mit starken Fibern und Adern wie Gespinnste einer untergegangenen Hexenwelt.
Grosse Steine von alten Heidenzeiten her lagen in der Runde. Jedermann wusste, dass man diese Steine nicht anrühren durfte. Es lagen grosse Helden der Heiden darunter begraben und [pg 209]sie waren blos verzaubert und nahmen es übel, wenn man sie reizte. Dann kamen sie hervor aus ihrem Grabe, schlugen mit ihrer Zauberkraft Mensch und Vieh. Manche erzählten, dass sie zu Zeiten ein weisses Ross da hätten grasen sehen, ohne Zaum und Sattel, von wunderbarer Farbe und Sanftmuth. Aber wenn man es anrufen und fangen wollte, wurde es schwarz, Feuer sprühte aus seinen Nüstern. Das war das Schlachtross des Heidenkönigs. Auch von einer wundersamen Frau erzählten sie. Er hielt sie dort gefangen mit sich im Tode, die im Leben seine Braut nicht gewesen war. Denn zu den Zeiten waren Männer; solcher liess ein Weib nicht und ob er sie im Sturm geraubt. Der alte Heidenkönig hielt sie im Grabe, und des Nachts stand sie auf und ging zu ihrer eigentlichen Heimath und ihren Kindern, dem weisen, guten König, dem sie angehörte. – Aber des Nachts und wenn es finster war, hielt sie der Andre, der sie geraubt mit seinem Leben. Und man fand, dass es so recht war im Volke, weil er den Blutpreis gezahlt um sie. Es war darum im Herzen der schönen Frau, dass sie nicht widerstehen konnte, wenn er sie zu sich rief auf sein höllisches Bett des Nachts.
Aber sie war unselig und klagte. Oft hörte man ihre Klage widerhallen im Mittag, zu Stunden des Tags, wenn die Luft lau und lind war. Sie klagte, dass der gute König, ihr Mann, gestorben war, alle ihre Kinder und späte Enkelkinder. Ihre Seelen waren zu Gott oder zum Teufel, je nachdem sie thaten, recht oder unrecht gehandelt im Leben. Sie auch war längst todt im Leibe; nur ihre Seele konnte nicht sterben um der sündigen Leidenschaft willen, die sie festhielt an dem starken Helden.
Aus solchen Klagen der weissen Frau hatte man ein Lied gemacht. Knechte und Mägde sangen es oft bei ihrer Arbeit. Es war ein Lied des Landes geworden, von der armen Seele, die nicht sterben konnte, weil sie noch immer liebte. Ihre Liebe war vom Teufel und starb doch nicht. Weil er so stark gewesen war und so schön, der tapferste Held der Heiden und ein Wunder, der König, vor den Leuten.
Jedermann wusste, dass sie nie den Frieden finden konnte. Sie war wie eine unselige Seele zwischen Himmel und Erde. Der Heidenheld küsste sie heiss und wach wieder, jede Nacht, wenn sie müde war und kalt, endlich sterben wollte.
Der Fremde sass auf dem Stein und schrieb in den Sand mit seinem Stabe. Er folgte den krausen Runen der Wurzeln. Buchstaben und Worte bildeten sie, seltsame Worte von tiefer Meinung. Er folgte ihnen in jede ihrer fliehenden Curven, bis sie sich die Hände reichen, neues Spinnen begann. Wo sie aufhörten im Baumstamm, wurden sie sehr stark, wie starke Leiber mannbarer Männer, und standen wie Thürme, die nichts umwirft. Der Blitz war an ihrer Seite hinabgefahren. Er auch hatte seine Schrift gelassen. Da war die Schrift des Blitzes, der Jahre, des Regens, uralter Zeiten.
Ein Salamander schlüpfte zwischen den Wurzeln vor, schwarz und gelb gesprenkelt. Er sah den Fremden an mit blanken, klugen Aeugelchen, die wie Kugeln aus seinem platten Kopfe sprangen. Man sagt von ihm, dass er fest bleibt im Feuer. Wer den Salamanderkönig fängt, steht unversehrt mit ihm mitten in den Flammen, alle Schätze der feurigen Tiefe sind sein. – Denn der Molch ist der König des Feuers, derer, die hämmern ohne Unterlass im Gestein, Zwerge, neidischer, ungefüger Riesen und Drachen. Rothes Gold hüten sie, funkelndes Edelgestein, unerhörte Schätze, von [pg 212]denen die Menschen blind werden und roth sehen in bebender Gier.
Eine schwarze Amsel kam und lief emsig hin und her. Sie blieb stehen und horchte. Dann lief sie wieder, pickte anklopfend, neigte den Kopf und hob ihn. Man sagt, dass diese Amsel Alles weiss, die Sprache der Vögel und der Bäume, wie die tiefsten Sorgen und Geheimnisse des menschlichen Herzens. Wer ihrer Weisheit zuhört, vergisst Essen und Trinken. Wenn er zu sich kommt, ist sein Haar weiss und sein Herz vertrocknet in ihm, wo er jung war, lieben und lachen konnte, da er zum ersten Mal die teuflische Weisheit der Amsel und ihren Spruch vernommen.