„Er ist nicht todt. Sie denken es blos. Sie sind thöricht.“
„Und blind. Sie sehen nicht.“
„Sie sehen nicht, weil sie hochmüthig sind und Scheuklappen vor ihre Augen binden, um nicht zu sehen. Alles ist schön. Alles singt. Alles lebt.“
Und fröhlich sang sie in den Tag, der sich neigte: „Sie denken, dass die Sonne untergeht. Sie geht nur weiter. Sie sehen sie nicht. Es wird Nacht. Nach der Nacht kommt der Morgen. Ach, die Menschen sind ungeduldig und unverständig! Wie kleine Kinder sind sie, die weinen, wenn es dunkel wird. Still ist die Nacht. Lieblich und gütig.“
– „Möchtest Du den wecken, der schläft? Er schläft sanft und seine Lippen lächeln. Möchtest [pg 233]Du purpurn haben, was weiss ist? Zuckend und fiebrig, was so still ward? Fühle, wie still es ist.“
Sie entfernte mit ihrer Hand das Hemd des Todten und legte ihre Hand auf sein Herz. „Es schlägt nicht mehr. Hört darum der Ocean auf, seine Wellen zu wälzen? Stört es etwas im Wechsel von Tag und Nacht, vom Sommer zum Winter? Arme Menschen! Wie ihre Herzen winzig klein sind! Und Froschherzen sind noch kleiner. Aber eine Fliege hat auch ein Herz. In ihren Adern fliesst Blut. Kleine Menschen, kleine Fliegen- und Froschmenschen! Wie sie klein sind!“
„Deine Mutter weint.“
„Ich habe eine Blume gepflückt und der Stengel blutete. Das ganze Würzelchen starb. Sie muss nun sterben. Sieh, wie die Blätter hängen! Wie sie traurig ist!“
„Man könnte sie wieder einpflanzen.“
„Wozu? Es giebt so viele Blumen. Sie wird Staub werden, eine schönere Blume vielleicht. Vielleicht wird sie eine Königin. Sie möchte gar nicht wieder eine arme, kleine Blume sein.“