„Die draussen verstehen es nicht.“

„Die verstehen es nicht. Sie sind ungeduldig, dumme, kleine Kinder.“

„Und unglücklich.“

„Unglück ist Ungeduld und Eigensinn. Es giebt keine Gefahr, wenn Du auf dem Wasser liegst und Dich treiben lässt. Es trägt Dich mit sich. Gegen die Fluth bist Du ohnmächtig. Sie verschlingt Dich. – Du kannst die Augen schliessen und die Arme falten. So leicht – leicht schwimmt es sich! – Er schwimmt jetzt. Er tobt nicht mehr. Er ist nicht todt und ich lebe nicht. Es ist Alles Eins – Alles ...“

Die Abenddämmerung war in’s Zimmer gekrochen. Alles löste sich auf, schien zu schwimmen, emporgetragen zu werden.

„Schatten! Schatten! ... Wenn Du aus der Ferne viele Stimmen hörst, ist es Alles nur ein Ton. Wir sind zu nah. Nicht ein Gedanke, der gedacht worden ist, verschwindet. Was in den Schooss der Zeiten gesenkt war, trägt Frucht und blüht in den Zeiten ewiglich. Das Leben der Zeiten ist die Ewigkeit. Und alles Lebens Leben ist Gott.“

Da legte er die Hand auf die Stirn des Todten. Er sprach: „Leb wohl! Ich sehe Dich jetzt nicht. [pg 235]Aber ich werde Dich sehen. Du bist nicht todt. Das Leben ist in Dir nicht todt. Was Du mir davon gegeben hast, trage ich in mir. Und diese Alle tragen etwas. Das Andre liegt gehütet wie ein kostbarer Schatz. – Den Winden – der Erde – dem Wasser“ – er schlug die Zeichen durch die Luft. – „Gott, der des Lebens Ursprung ist, von dem es fliesst und zurück fliesst. – Komm jetzt, dass wir ihn rasch begraben und ein Ende machen.“

So gingen sie Beide hinaus, Maria und er, schlossen die Thür hinter sich, da der Todte lag. Es war dunkel bei dem Todten. Man merkte jetzt deutlich den Geruch der Verwesung, in dem der welkenden Blumen, etwas von Blut, Fleischfaser und schlechten, geringen Stoffen. Schlaff, mit geschlossnen Kelchen hingen die Blüthen. Die Fliegen schwirrten.

Die Andern, da sie diese Beiden so ruhig sahen, meinten sie, es wäre ein Wunder geschehen, dass der Todte lebte. Sie drängten nach in die Thür und Martha rief mit lauter Stimme ihren Bruder: „Du – Du – sage ob Du lebst?“

Aber Maria sagte: „Lass ihn. Er ist nicht todt. Doch wir müssen ihn begraben, denn es [pg 236]ist Abend und die Leiche fängt schon an stinkend zu werden. Es wäre uns schädlich, ungesund, zum Schlafen in der Kammer.“