Martha sprach: „Wie sollen wir ihn begraben, so er doch nicht todt ist?“
Sie sah den Fremden hart an, weil sie ihm zürnte, dass er ihren Bruder nicht erweckt hatte, wie er wohl konnte nach ihrem Glauben. Sie mussten Noth leiden forthin. Ihre Mutter würde ohne Stütze sein für ihr Alter. Er aber lächelte nur, winkte mit der Hand und ging hinweg ohne ein Wort.
Dies nahmen Viele ihm übel, Martha und die Frauen, die Neugierigen, die auf ein Zeichen gewartet hatten.
Maria aber war nicht traurig. Sie sang und schritt leicht dahin. Wenn man sie fragte, ob sie nicht Leid trüge um ihren Bruder, sagte sie: „Ich warte auf ihn. Ich weiss, dass er nicht todt ist. Ich werde ihn sehen. Es ist in sehr kurzer Zeit vorüber – Alles. Ich bin eilig, die Blume zu fassen, meine Pflanzen zu wässern, dass sie wachsen.“
Einige sagten: Es ist Gleichgültigkeit, Andre: Grösse. Aber es war nichts von Beiden. Sie [pg 237]wusste nur und sie fand, dass die Tage zu kurz sind zum Weinen.
Denn die Nacht kommt schnell herbei, da Niemand schaffen kann.
Nun war aber in dieser Gegend eine Jungfrau, die nie ein Mann berührt hatte.
So rein war diese Jungfrau, dass nicht ein unkeuscher Gedanke oder Abdruck ihr Gehirn kreuzte. Selbst in ihre unbewussten Träume kam eine solche Vorstellung nicht, eine Hitze oder Beunruhigung. Sie hätte nackt vor Männern hergehen können, ohne dass sie sich geschämt hätte. Man würde vor ihren Augen alle Wollust und Sündhaftigkeit der Welt ausbreiten können, dass ihre Augen nichts gesehen hätten, die Röthe wäre in ihre weissen Wangen nicht gestiegen. Denn sie war rein in sich und crystallen wie klares Wasser, der Spiegel des Bergsees, in den nie eines Menschen Auge geblickt, nur der Himmel in seiner Bläue über den Wolken, keusch wie die königliche Lilienblüthe, die sich erschliesst in der Nacht, in hundert Jahren ein Mal, weil die Brunst der Sonne sie beleidigen könnte, Unreines, das stäubt und fliegt im Tage.
Dieser Jungfrau, so Einer mit schlechten oder unzüchtigen Gedanken ihr nur nahte, musste er sein Antlitz verhüllen und fliehen wie vom Blitz getroffen. Die andern Frauen mochten nicht in ihrer Nähe aushalten mit ihren bösen Zungen, täglichem Geklatsch von Heimlichkeit und Wollust. Nur die kleinen Kinder gingen gern an ihrer Hand und mochten in ihre Augen sehen, die gleich klaren Sternen waren in der Winternacht, wenn unten der Boden weiss friert. Es war ein armer Blödsinniger und Taubstummer, der mit ihr in ihrem Garten wohnte, ihr Dienstleistungen that, denn so furchtbar und streng war die Reinheit dieser Jungfrau, dass sie den Augen wehthat wie Sonnengefunkel im Mittag, bläuliches Gletschereis, wenn sie auf der Strasse ging, die Menschen und Vorübergehenden zur Seite schlichen wie scheue, geprügelte Hunde oder Wölfe. Es war, als ob sie nur Thiere waren gegen sie. Und wenn sie grosse Herren und Fürsten hiessen, vor dem edlen Antlitz dieser Jungfrau wurden sie klein und unfrei.