Es gab Leute, vornehme Herren und Lüstlinge, in derselben Stadt, die sich in ihr Haus geschlichen hatten in der Nacht. Und sie hatten diese Jung[pg 239]frau nackt gesehen, wie sie sich wusch. Der Strahl ihrer Nacktheit war in ihre Augen gedrungen wie Schwerter, dass sie laut aufschrieen, heulend hinausstürzten wie Trunkene von zu starkem Wein oder die Tollheit verwirrt. Und hatten Einer den Andern erwürgt in ihrer schäumenden Tollheit. Und Einen hatte der Blöde gepackt und er hatte ihm das Haupt aufgeschlagen auf den Stein, dass das Gehirn weit über die Strasse spritzte. Und Alle fanden, dass es die gerechte Strafe war für ihre Unreinheit, diese Jungfrau stärker war in ihrer Nacktheit wie ein starker Mann in siebenfacher Rüstung.

Alle Lüge und Verläumdung prallte von ihr ab wie Hagelschlag am Felsen. Es ging die Sage, dass ein Gerichteter gestorben war von dem Strahl ihres Auges, der die Wahrheit erkannte, mehr denn von dem Spruch des Richters, der ihn verdammte.

Aber die Armen hatten keine Furcht vor dieser Jungfrau. Auch nicht die verachteten, gemiedenen Frauen und Mädchen des Orts, die unrein und hässlich geworden waren an Leib und Seele. Denn die Klarheit dieser Einen deckte sie Alle wie ein weisser, herrlicher Mantel, und war keine [pg 240]so elend, mit Aussatz befleckt, dass nichts von dieser Glorie auf sie gefallen wäre. Sie wussten, dass sie die Königin der Frauen war und priesen die Kunst in der Güte, die ein solches Wunder geschaffen, herrlich und unantastbar gemacht hatte vor allen Frauen und Männern.

Man nannte sie nur die weisse Jungfrau. Es ging die Sage, dass, wenn sie schlief, die Seraphim um ihr Lager standen mit gezückten Schwertern, dass es aussah, als läge sie auf blauen, züngelnden Flammen des Eises. Nur ein Mann, der gut und keusch und edel war wie sie, konnte sie lösen und heimführen als ihr Gemahl.

Und Viele hatten es versucht sie zu lösen, die edelsten Jünglinge aus aller Herren Ländern, die Stärksten und die Schönsten. Und Alle waren schamroth und betrübt weggegangen vor dem klaren Blick ihrer Augen, der keine Lüge und keinen Fleck zuliess, sie durchsah durch kunstvolle Verstrickung und Verschönung, bis wo die Unreinheit sass in ihrer Seele, die Blumen ihrer Schönheit selbst wuchsen aus dem Sumpf ihrer Unkeuschheit. Und war nicht Einer, der bestand vor ihr, so Viele gekommen waren und gesungen hatten und gesprochen und sich gesehnt.

So sagte man, dass sie niemals einen Mann haben würde, es bestimmt war von Gott, dass sie als Jungfrau hingehen sollte, weil sie zu edel war, um berührt zu werden mit unreinen Händen, zu klug für die Klugheit der Lüge und Arglist.

Und sie selber freute sich, dass es so war. Niemals wünschte oder fragte sie wie andre Mädchen und schlief auf ihrem Lager mit den zehn Seraphim, die um ihr Bett standen als strahlende Wächter, bis der Morgen kam, klar wie ihr Erwachen, die junge Sonne grüsste die weisse Jungfrau.

Zu dieser nun geschah eine Stimme mitten in der Nacht: „Erhebe Dich und wache auf, denn der Bräutigam ist gekommen!“

Worauf sie stracks sich erhob wie sie war aus ihrem Schlaf und in ihrer Nacktheit. Und wusch ihren Leib und badete ihn rein in crystallenem Wasser des Regens, in Tropfen aus Maiwolken, die nie die Erde berührt und vielfach gefiltert in thönernen Krügen. Oder Wasser, vom Schnee geschmolzen, wenn er jungfräulich ist, zu oberst ruht am Morgen, da noch kein Fuss getreten. Und wusch sich wohl und salbte sich mit köstlichen Salben, von Knospen der Rosen, welche [pg 242]noch nicht das Licht gesehen hatten, die sie gesammelt hatte in ihrer Knospe, und ersten Blumen des Frühlings, wenn die Sonne noch nicht heiss genug ist, die unter dem Schnee blühen und lieblicher duften denn andre.

Und nahm ihr weisses Gewand. Das war gewebt ohne Stich und Naht aus der allerfeinsten Seide, mit Lilien gestickt und gewirkt in silbernen Fäden. Alle Lilien standen weit offen mit prangenden Kelchen. Die Fäden verschlangen sich zwischen ihnen im kunstvollen Rhythmus, einer wunderbaren Weise der Lilien, die sie sangen. Kleiner wurden sie gegen den Saum in gereihten Ketten. Aber unter der Brust war nur noch eine Lilie, die Königin der Lilien, mit gebreiteten Schwertblättern, die zitterten, schwollen in der Last, die auf ihnen lag. Nur Jungfrauen waren die Spinnerinnen gewesen, die es gewebt und gesponnen. Und man sagte, wenn eine Jungfrau, die nicht mehr rein war, die Hand anlegte an dieses Gewand, dass die Fäden blutroth wurden in ihren Fingern, und liefen aus ihren Fingern wie Schlangen, wollten sich nicht halten und fassen lassen von ihr.