Dies sagte er aber mit seltsam lieblicher Stimme, die wie reines Silber klang. Alle Glöckchen der Pferde läuteten dazu. Seine Diener schlugen an ihre Schwerter und riefen: „Heil!“
Dieser arme Knecht schwur später, dass in solchem Augenblick der Himmel über ihren Häuptern offen gewesen und eine Taube von oben aus der Klarheit herabgekommen wäre, die trug einen goldnen Ring in ihrem Schnabel. – Denn das Merkwürdige war, dass er sprechen konnte seit dieser Nacht und immer nachher. Und war in seinem Kopf wie andre Menschen, nur dass er schwur zu seinem Eide, den Prinzen gesehen zu haben, was ihm die andern Leute nicht glaubten, für eine Blendung seines armseligen Gehirns hielten.
So ritten Alle diese durch das Thor. So Viele ihrer waren, schien es dennoch wunderbar, dass der Hof sie doch fassen konnte. Und der arme Knecht schloss die Thore hinter ihnen und schob die Riegel vor.
Was sich nun begab, wusste er nicht mehr, denn er folgte dem Prinzen nicht in das Gemach, [pg 248]der ihm gebot: „Folge mir nicht!“ Aber durch eine Luke im untersten Keller, wohin er sich vor Angst geflüchtet und doch zitternd wieder auslugte, sah er, dass alle Ritter von ihren Pferden abgestiegen waren. Und sie standen um das Haus mit gezognen Schwertern, die glänzten blau wie Diamantlicht des Mondes. Und war so eine Kette von Schwertern um das Haus, dass es stand gleich einer Burg in uneinnehmbarer Klarheit.
Drinnen aber in ihrem vertrauten Gemach hatte die Jungfrau den Tisch gelegt. Sie nahm ein weisses Tuch von feinstem Damast, das in der Truhe gelegen hatte mehr denn hundert Jahre. Es war nur weisser und feiner geworden von den Jahren. Man sagte sich, dass zwölf Spinnerinnen daran gewebt zwölf Jahre. Alle untadelige Jungfrauen, die der Welt entsagt, den Faden zogen in stiller Klosterzelle. Danach hatten sie den Flachs auf dem Rasen gebleicht, wenn die Märzsonne schien, – diese ist die früheste unter den Sonnen, nicht geil wie die des Sommers, oder blutig vom Herbststerben – es selbst gewebt mit ihren Händen, ohne Eisen und Maschine, weil menschliche Hände feiner sind und getreuer. Und Muster hineingezeichnet von ihren Gedanken, des Weibes Lust und [pg 249]Glorie. Die Aeltermutter Eva im ersten Bilde, wie sie den Apfel reicht. Aber auch als Mutter, mit ihren gesegneten Brüsten es nährend, das die Verheissung birgt, – die Lebensgebärerin. Rebekka am Brunnen, Rahel, die Vielgeliebte, frühgestorben, Mirjam, Deborah, begeisterte Prophetinnen, Judith und Jael, Heroinen, Ruth, die Aehrenleserin, Esther – aber auch sie, die die Raben scheuchte, die diese frommen und einfältigen Seelen würdig gehalten des ruhmvollen Reigens, – zwischen den Sieben die Mutter der Makkabäer, die Wölfin Juda’s, Elisabeth, auch eine Mutter, Johannes’ des Täufers, Hannah, die Greisin, vorahnend die Morgenschöne. Endlich die Lieblichste von Allen, die Erfüllung, wie um die volle Rose der Kranz sich schliesst, Maria, die Königin, unter den Weibern Gebenedeite, an der Brust das Kindlein, dass von Ihm alle Strahlen ausgingen, die Andern berührten. Gleichsam als wären diese Bilder von Kraft und Unschuld nur ein Strahl der Tugenden, die sich in ihr wie in der Sonne vereinigten.
Dies Tuch breitete sie sorgsam, die Falten glättend, sich freuend am Silberglanz des Linnens und der Kunst der Bilder. Darauf nahm sie ein güldnes Gefäss aus reinstem Gold, das nie zuvor [pg 250]zu andrem gedient hatte. Dadrin war in kunstvoller Prägung zu sehen, wie Abraham den Besuch der Engel empfängt. Rechts hebt er freudig preisend die Hände, ihnen entgegenzueilen. Links sieht man schon rüstige Mägde das Federvieh rupfen, wie sie die Butter stampfen im Troge, während Sarah hinter der Thür verborgen steht, die Verheissung zu erlauschen, der kleine Ismael arglos mit kindlichem Spielzeug sich tummelt. – Dieses füllte sie mit funkelndem, edelstem Wein, der achtzig Jahre gelegen hatte und mehr. Nur wenige Flaschen waren von diesem Wein zuerst gezogen worden, gleichsam seine Seele. Ein Kaufmann hatte ihn mitgebracht von weit her. Er zeigte in seiner Mischung Feuer des Blutes und Rosinfarbe von der Sonne. Süss war dieser Wein und stärker wie Stierblut in seiner Süsse.
Danach nahm sie eine Schale von Silber, mit silbernen Henkeln und Kette. Eine ländliche Ernte auf dem Felde war darauf abgebildet, wie hier schon die Wagen hochbepackt fortfahren, Schnitter und Schnitterinnen Garben bindend, alte Leute und Kinder die Aehren nachlesen. Aber auf den Stoppeln tanzen schon lustige Mägde und Burschen. Sie legte das Brot hinein, köstliches, feines [pg 251]Brot, das sie selbst mit ihren Händen gebacken. Keine Maschine hatte daran mit geschaffen. Das Korn war gerieben worden zwischen den Steinen. Es gab kein edleres Brot.
Sie hielt es verschlossen in einem kunstvollen Schrein, weil sie dachte: „Ich weiss nicht, wann der Bräutigam kommt. Ich muss bereit sein zu der Zeit.“
Solches stellte sie auf den Tisch, zündete die Lampen an, die zu beiden Seiten standen, gefüllt mit Oel, und feine Kerzen vom reinsten Wachs, die dufteten wie sie tropften. Die Leuchter waren von edlen Metallen und trugen Köpfe der heiligen Thiere, Adler, Löwen und verschlungne Leiber der Schlangen.
Und sie nahm einen Teppich von purpurfarbner Seide, der im Schrank gelegen, auf dem nie die Sonne geruht und keines Menschen Fuss hatte ihn je betreten. Diesen breitete sie aus von der Thür zum Sessel. Der Sessel aber war aus geschnitztem Ebenholz. Die Schilder des Thierkreises wechselten sich dort mit den vier Hörnern des Mondes. Die Seitenlehnen waren Aronsstäbe und auf vier Klauen ruhten die Füsse wie auf Widderklauen.