– – – – Sie ist noch immer geschlossen, süss und ahnungslos.

Aber manchmal kommt es mir vor, als ginge ein Erschauern durch die schlanke Hülle, ein tieferes Atmen, die Ahnung künf[pg 29]tigen Frühlingssturmes, heller, glorreicher Sonnenwärme.

Wir sassen auf dem Balkon.

Ich sah sie wohl zu heiss an.

Sie verwirrte sich. Sie war still.

Diese süsse Stille! Kennst Du einen hübscheren Ausdruck als den Koriolans an sein Weib: „Mein süsses Schweigen!“ Es liegt darin eine solche Tiefe der Unberührtheit. Auf vieles wäre es schlechterdings unanwendbar, auf Dich zum Beispiel. Nur die Natur hat dieses Schweigen – der See – der Himmel – die Frau ...

Ich bemühe mich, ihr unschuldiges Tagewerk kennen zu lernen. Sie hat im Hause ihre kleinen Ämter, den Thee zu bereiten, Staub zu wischen, dem Papa den Frühstückskakao zu bringen. Auch ihre eigenen Sachen hält sie selbst in Ordnung, die kleinen Röck[pg 30]chen, Strümpfchen, Ziertüchelchen und Bändchen. Die Mutter hat sie schlicht und häuslich erzogen, wie sie selber ist. Mathilde kann kochen. Sie kann sogar das Plätteisen selber führen. Ich finde das entzückend.

Dazu nimmt sie noch einige Stunden weiter mit ihrer Freundin Katharina v. W. Sprachen, Litteratur, Musik. Sie gehen dazu zu den Kursen hin. Damit wird dann wohl ein kleiner Spaziergang mit der Freundin verbunden. Die beiden Mädchen sind unzertrennlich. Wie das schwätzt und schnäbelt! – all diese unschuldigen Vertraulichkeiten, die allerliebsten Geheimnisse der sechzehn Jahre.

Das thut mir manchmal fast weh.

Wieviel muss da sein, von dem wir nichts ahnen, für das wir kein Verständnis haben, ein grober, einfacher Landjunker, wie ich, [pg 31]ohne Mutter, ohne Schwestern aufgewachsen, den Frauen gegenüber ein schüchterner Stümper!