„Nixchen! Das darfst du nicht tragen. Das steht Dir nicht.“
Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind. Aber sie gehorcht immer. Alle Frauen gehorchen mir, weil sie das Unpersönliche fühlen, das Wohlgefallen an der Gattung, den Wunsch ihnen Vergnügen zu machen. Ich glaube, wenn ich vor die Sultanin-Mutter träte: „den Turban etwas mehr nach rechts, bitte schön“ ... sie thäte es und wäre mir dankbar. Und sie hätte ein Recht dazu.
Das ist unsere Tugend, uns Weltmännern ihre. Und ist sie nicht eigentlich die allerhöchste Tugend? Spinoza sagt: wer die Fehler der Menschen nicht liebt, liebt die Menschen selbst nicht! Das Menschlichste [pg 110]an der Menschheit ist für mich das Weib. Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler. Sie fühlen das. Sie lieben mich wieder. Sie haben Zutrauen zu mir.
Das ist ganz unbewusst: „Du bist so gut,“ sagt sie manchmal. Dann nimmt sie meine Hand und küsst sie, beinah leidenschaftlich: „Du bist gut.“
Da ist die Ranküne wieder, das kleine, tückische, widerborstige Katzenfauchen in dem „Du“.
„Der ist viel besser als ich.“
Ist er’s wirklich? Ich glaube kaum. Er hätte ihr eine Moralpredigt gehalten und sie beschämt und verbockt nach Hause geschickt wie der selige Joseph schnöden Angedenkens. Die Franzosen haben da ein hübsches Sprichwort: Il y a des choses qui ne se refusent pas. – Oder er hätte sie [pg 111]genommen, seine Lüste befriedigt, mit einem moralischen Kater hinterher sie zur büssenden Magdalena gepeinigt ... Das ist die Tugend dieser Tugendbolde.
Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss, fein und zierlich, ganz in ihrem Fischchen-Element bei mir, munter schwätzend wie ein Vögelchen, von dem, was in ihr ist, all ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten .. – ich habe sie als Künstler behandelt, nicht roh, nicht männisch-selbstsüchtig, nicht pfäffisch-zerstörerisch.
Sie weiss das auch ganz gut, Gänschen, das sie ist. Sie liebt mich.
Sie wird oft sentimental jetzt: „Ich kann nicht leben ohne Dich! Ich möchte am liebsten sterben!“