Mein lieber Junge! Ich hatte auch mal Grundsätze. Ich weiss nicht, ob sie ganz so schön waren wie Deine. Ebenso ehrlich waren sie. Ich habe keine mehr. Ich denke gar nichts mehr. Ich sehe nur noch und staune.
Ja, zuweilen staune auch ich noch! Ich neige in Demut vor der skeptischen Thatsache mein mephistophelisches Haupt: Leben! Du bist doch noch eine ärgere Komödie als ich dachte, ich Hans Herbert Gröndahl, alter, ausgelernter Komödiant und Komödienschreiber.
Übrigens ja doch! lachen musste ich doch.
Bei der Beschreibung: Flechtenkrönchen, blaue Augen, diese Zartheit, Blondheit. Geheimratstochter aus W.....
Weisst Du noch, wenn Du mir Stand[pg 16]reden hieltest über meine Abenteuer, entrüstet warst, mich der Phantasie beschuldigtest, teuflischer Verführungskünste?
Diesmal wirst Du wenigstens zugeben müssen, dass ich auf unschuldige Weise dazu gekommen bin, auf die allerunschuldigste, buchstäblich im Schlafe, Du weisst ja „seinen Freunden u. s. w.“
Also ich liege gegen vier Uhr ganz sanft und wickelkindsfromm in Morpheus Armen, als Martin zwei Damen meldet.
Martin ist geaicht auf solche Fälle. Er hat dann förmlich etwas Priesterliches, die Allüren eines Offizianten, der das Allerheiligste öffnet.
Neulich war meine liebe, alte, dicke Schwester Jule bei mir, die in München der edlen Malkunst obliegt, nebenbei so ziemlich das garstigste, ehrlichste, fidelste Frauen[pg 17]zimmer von der Welt mit einer ausgesprochenen Abneigung gegen Korsetts und das Korsettentsprechende im moralischen Leben. Martin bediente uns während des Essens mit einer Grandezza und diskreten Feierlichkeit, die anfing lähmend zu wirken. Jule wurde stiller und stiller. Sie hat einen guten Witz bei noch mehr süddeutscher Gemütlichkeit und liebt es, denselben goutiert zu sehen auch von den geringeren Göttern. Martin zuckte mit keiner Wimper. Ab und zu warf sie einen fast schüchternen Seitenblick auf sein glattes, undurchdringliches Gesicht.
Nach dem Diner der Kaffee. Martin huscht lautlos ab und zu. Im Salon sind alle Jalousieen heruntergelassen und die Stores vorgezogen – notabene es war drei Uhr nachmittags. Die Lampen brennen durch rote Seidenschirme, feierlich und gedämpft [pg 18]wie Kirchenkerzen. Jule lacht und spricht sehr ungeniert. Sie raucht Pfeife mit selbstgeschnittenem Tabak und giesst einen Cognac nach dem andern hinter die Binde. Martin präsentiert Feuer von dem züngelnden Stirnflämmchen einer Serpentintänzerin und träufelt das Nass aus dem grünen Fischleib einer schlanken, schilfentsprossnen Najade. Sie vermisst ihren Hut und Paletot. Martin hatte beides vorsorglich von dem Riegel im Entree weggetragen und hinter einer opportun aufgestellten Staffelei mit dem Lenbachschen Bismarckbilde verborgen. Sie fühlt das Bedürfnis, im Schlafzimmer zu verschwinden. Im Schlafzimmer ist es Nacht. Das Bett steht zurückgeschlagen mit langherabrieselnder gelber Seidenkouvertüre. Über dem Kopfende hält ein gefälliger Cupido, lächelnd vorgeneigt, ein elektrisches Flämm[pg 19]chen. Vor der Toilette liegen, planvoll arrangiert, Kämme, Brennscheere, langbeinige Haarnadeln, glatte und gewellte, ein silbernes Schuhknöpferchen mit Elfenbeingriff. Jule trägt Lahmannsandalen und kurzgeschoren.