Kaum war die arme Meta eingeschlafen, als die Stiefmutter leise wieder hereinkam. Aber was hatte sie bei sich? Einen großen, großen Sack, in den wohl drei Scheffel Erbsen hineingingen. Als sie sich nun überzeugt hatte, daß Meta fest schlafe, legte sie den Sack vor Meta's Bett, so daß die offene Seite nach oben gekehrt war, nahm die Hand der Kleinen vom Bette und betrachtete sich den Däumling mit gierigen Augen.
– Laß mich in Ruh, Alte! rief der Däumling; aber das half ihm nicht, die Alte nahm ihn von Meta's Finger und trug ihn zappelnd in ihre Kommode, die sie doppelt und dreimal verschloß. Dann kehrte sie zu der schlafenden Meta zurück.
Am Bette aber ging es inzwischen: klapp, klapp! Ein Goldstück fiel nach dem andern in den Sack. Mit funkelnden Augen setzte sich die Alte an Meta's Bett und freute sich über die vielen Goldstücke, mit denen sich ihr Sack füllte.
So ging es denn klapp, klapp! die ganze Nacht hindurch. Endlich fielen die Goldstücke immer langsamer; aber auch Meta's kleines unschuldiges Herz klopfte immer langsamer und als der erste matte Strahl der Morgensonne ins Kämmerchen drang, da schwiegen die Goldstücke und auch Meta's Herzchen, denn sie hatte sich verblutet und war todt.
Die Alte überschlug nun, wieviel Goldstücke wohl in dem Sacke seien; ihrer Meinung nach mußten es wenigstens einige Tausend sein und da sie alle doppelt, so war sie eine reiche Frau geworden.
Jetzt mußte aber der Sack bei Seite geschafft werden, und das war gewiß nicht so leicht. Er sollte in die Speisekammer kommen; da er aber so schwer war, daß wohl vier Männer daran zu tragen gehabt hätten, so nahm sie von den Goldstücken immer eine halbe Schürze voll, trug diese in die Speisekammer und schleppte so lange, bis auch nicht ein einziges mehr in dem Sack war. Eine volle Stunde hatte sie zu der Arbeit gebraucht.
Was sollte sie nun mit der kleinen Meta anfangen, die todt auf dem Bette lag und so bleich war, wie ein kleiner trauriger Engel, der vom lieben Gott Schelte bekommen hat. Wenn sie aussagte, Meta habe sich in der Nacht verblutet, so bekam sie die Leute im ganzen Dorf auf den Hals, weil sie keine weitere Hilfe herbeigerufen hatte; aber was sollte sie anders sagen?
Da fiel ihr ein Gedanke ein. Sie wollte die todte Meta in den Brunnen werfen und aussagen, Meta sei gestern in den Wald gegangen, um heilende Kräuter für ihren Finger zu suchen, und nicht wiedergekommen.
So geschah es denn auch, sobald sie Meta heimlich in den Brunnen geworfen und ihre Kleider bei Seite geschafft hatte. Und der Schulze bot die ganze Dorfmannschaft auf, der Pächter und der Pfarrer schickten ihre Knechte, die mußten den ganzen Tag hindurch nach der verlornen Meta im Walde suchen. Aber sie fanden das Mädchen nicht, und das hätte ihnen die garstige Alte wohl vorher sagen können. Desto mehr jedoch weinte sie und stellte sich untröstlich, die böse, alte Hexe!
Acht Tage darauf lud die Alte eines Abends ganz spät, als es recht dunkel war, mehre Säcke und einen kleinen Kasten auf ihren Leiterwagen, mit dem sie immer Gemüse zu Markt zu fahren pflegte, spannte ihren Gaul vor und sagte den Nachbarn, sie wolle Kartoffeln nach der Stadt fahren, die schon am Morgen ganz zeitig abgeliefert werden müßten. Das war aber gar nicht wahr, denn in den Säcken hatte sie ihre Goldstücke und nur oben auf lagen Kartoffeln, in dem Kästchen aber hielt sie den kleinen Däumling verschlossen, den sie bewachte wie ihren Augapfel.