– Kleine Meta, sagte er zu ihr, das Federmesser, das eben in unsren Brunnen gefallen, hat mir da unten in unsrer Wohnung unter dem Brunnen gesagt, es habe Dich, ohne selbst dafür zu können, in den Finger geschnitten; Du seist aber ein so liebes, artiges Kind, und deshalb sollte ich Dir doch helfen.
– Du?... Aber wie kannst Du denn das? fragte Meta verwundert.
– Davon sollst Du Dich sogleich überzeugen; höre nur zu! antwortete der kleine Däumling. Sieh, wir sind der Däumlinge da unten im Brunnen sehr viele und helfen guten Menschen sehr gerne, indem wir uns in Däumlinge von Gemsleder verwandeln und uns auf ihre Finger setzen lassen; aber wir müssen immer gewiß sein, daß wir nicht gemißbraucht werden, denn wir haben eine geheime Kraft, die den Menschen gar zu leicht verführt, wenn er davon hört. Setze mich also auf Deinen wunden Finger und das Blut wird sogleich gestillt werden; nimm mich aber ja nicht eher wieder ab, als der Finger ganz geheilt ist, denn sonst fängt der Finger gleich wieder an zu bluten und jeder Bluttropfen wird zu einem blanken doppelten Goldstück. Das Gold kann Dir aber dann nichts mehr nutzen, denn der Finger heilt nie wieder und Du mußt sterben.
Man kann sich denken, wie froh die kleine Meta war, als ihr der kleine possirliche Däumling von dem Schüsselrand auf den Arm hüpfte, auf diesem bis zu ihrer Hand balancirte, sich im Nu in einen Däumling von Gemseleder verwandelte und auf ihrem Finger saß. Mit einem Male war auch das böse Blut gestillt.
Gleich darauf kam die Stiefmutter zurück, die dem Federmesser einen tüchtigen Streich gespielt zu haben glaubte und gar keine Ahnung von der Botschaft hatte, die das Federmesser da unten im Brunnen ausgerichtet.
– Was hast Du denn da auf dem Finger sitzen? fragte sie die kleine Meta.
Diese war anfangs ein wenig verlegen, aber da es ja nichts Böses war und ihr der Däumling auch nicht zu schweigen befohlen hatte, so erzählte sie der Stiefmutter, was vorgefallen war.
Nun hätte Einer sehen sollen, was für Augen die alte Stiefmutter mit ihrer Habichtsnase und dem spitzen Kinn machte, als sie von den blanken doppelten Goldstücken hörte. Die Augen hatten ganz gewiß nichts Gutes zu bedeuten.
Da es schon dunkel geworden war, so sagte sie zu der kleinen Meta: sie solle sich ins Bett legen, denn sie sehe so matt und angegriffen aus; sie wolle ihr beim Auskleiden auch behilflich sein.
Das Letztere that sie nun ganz wider ihre Gewohnheit. Meta legte sich ins Bett und die Stiefmutter ging hinaus und sagte: sie wolle nur den Taubenschlag zumachen, dann gehe sie auch sogleich ins Bett.