Der König der Däumlinge aber empfing sie sehr freundlich, sie mußte vor ihm niederknien, damit sie ihn recht hören könne, denn sie war wohl an zehnmal größer als er sammt seinem Diamanten- und Rubinen-Thron. Er aber sagte ihr: die Stiefmutter sei ganz plötzlich aus dem Dorfe verschwunden, und wenn das auch nicht der Fall wäre, so hätte sie doch nicht wieder zu ihr gehen können, da sie bei ihr des Lebens nicht mehr sicher sein würde; Meta sei so unvorsichtig gewesen, ihr das Geheimniß des Däumlings zu verrathen, der nun dafür büßen müsse, indem die Alte ihn eingeschlossen halte und sorgfältig bewache, um ihn zur Sättigung ihrer Habsucht zu mißbrauchen. Gehe sie aber wieder zu der alten Stiefmutter, so werde ihr diese doch das Leben wieder nehmen, und einmal könnten die Zwerge sie nur vom Tode erretten.

Meta weinte nun bitterlich darüber, daß sie ihre schönen rothen Wangen verloren habe.

– Ja, sagte der König der Däumlinge achselzuckend, das kommt daher, daß Du all Dein Blut verloren hast; Du wirst Dein ganzes Leben hindurch bleich sein, aber da Du ein so gutes Kind bist, wollen wir dafür sorgen, daß Du glücklich werdest. Einstweilen mußt Du nun bei uns bleiben.

So tröstete sich Meta denn und lebte sechs Jahre lang glücklich bei den Däumlingen unter dem Brunnen; sie wurde auch größer und schöner, aber bleich blieb sie doch.

Wollt Ihr nun wissen, was inzwischen aus der bösen Stiefmutter geworden ist?

Die fuhr mit ihrem Gaul und ihren Kartoffelsäcken immer und immer fort, bis sie in eine fremde Stadt kam. Dort fuhr sie vor ein großes Gasthaus und sagte zu dem Wirth: sie sei eine sehr vornehme Dame, da sie aber viele Schätze bei sich führe, so habe sie diese schlechten Kleider angezogen und sich diesen unscheinbaren Wagen gekauft, um unterweges nicht von Räubern angefallen und geplündert zu werden.

Als der Wirth ihre Säcke von Gold sah, glaubte er ihr aufs Wort, denn wenn die Leute nur Geld sehen, so glauben sie ja Alles.

Die Alte aber kaufte sich seidene und sammetne Kleider, Diamantenschmuck, schöne Ketten und Armspangen, eine mit Gold ausgeschlagene Equipage mit vier Schimmeln, miethete sich stattliche Lakaien, die einen dreieckigen Tressenhut auf hatten und so viel Goldschnüre auf dem Leibe trugen, daß man die Farbe ihrer Röcke nicht unterscheiden konnte, und so fuhr sie dann in eine große Hauptstadt, in welcher der König lebte und sehr viele vornehme Leute wohnten.

Hier gab sie sich für eine Gräfin von altem Adel aus, kaufte sich eins der prächtigsten Häuser, gab glänzende Bälle und Feste und sah Barone, Grafen und Fürsten bei sich, die ihr das viele Geld verzehren halfen.

So ging das Alles gut; aber natürlich kam sie bei diesem Leben ihren Geldsäcken bald auf den Boden. Der Reichthum jedoch hatte schon ihr Herz so schlecht gemacht, daß sie sich vor gar keiner Missethat mehr scheute. Um wieder frisches Geld zu heben, lockte sie sich Abends fremde Kinder ins Haus, denen zeigte sie alle ihre schönen Sachen und gab ihnen Confect, das mit einem Schlaftrunk gefüllt war. Wenn nun diese Kinder einschliefen, so schnitt sie dieselben in den Finger, setzte ihnen einen Augenblick den Däumling auf, den sie dann sorgfältig wieder verschloß, und das Blut der Kinder wurde zu lauter Goldstücken. Viele arme Kinder hatte sie nun schon ums Leben gebracht wie die kleine Meta.